Vortrag in der Anenja Vihara am 02.07.26
Auf den ersten Blick, genauso wie auf die folgenden, klingt Meditation eigentlich nicht schwer. Wenn wir die Anweisung erhalten, die Bewegung der Bauchdecke beim Ein- und Ausatmen zu beobachten, so klingt das nicht schwierig. Es ist keine komplizierte Yogahaltung, auf die man den Körper monate- oder gar jahrelang vorbereiten müsste. Wir brauchen dafür weder Kraft- noch Ausdauertraining und es stellt keine Herausforderung für unsere Intelligenz dar, um die Anweisung zu verstehen. Nimm wahr, wie die Bauchdecke sich beim Einatmen hebt. Check. Benenne das Wahrgenommene: heben. Check. Nimm wahr, wie die Bauchdecke sich beim Einatmen senkt. Check. Benenne das Wahrgenommene: senken. Check.
Keine Hexerei. Kein jahrelanges erarbeiten von Fähigkeiten.
Sobald es aber darum geht, die Anweisung nicht nur zu verstehen, sondern auch zu befolgen, stellen wir schnell fest, dass wir scheitern. Nicht hin und wieder. Ständig. Nicht nur Laien. Alle. Auch Ordinierte, selbst mit jahrelanger Praxis. Wie ist es möglich, dass etwas so Simples wie das Beobachten der eigenen Bauchdecke so schwierig sein kann?
Na gut, in der Ajahn-Tong-Methode kommen noch einige Schritte dazu. Wir wechseln das Meditationsobjekt in einer vorgegebenen Reihenfolge. Wir lenken die Aufmerksamkeit von der Bauchdecke weg, hin zur Körpe4haltung, nämlich sitzen. Dann lenken wir die Aufmerksamkeit wieder weg, hin zu einer vorgegebenen Körperstelle.
Aber auch da; was ist daran so schwer? Wenn es uns juckt oder krabbelt oder Schmerzen auftreten, lenken wir völlig mühelos den Geist dahin. Wo ist das Problem?
Das Problem sind die fünf Hindernisse, in Pali pañca nīvaraṇāni. Unsere inneren Saboteure. Die sabotieren nämlich nicht nur unsere Meditation, sondern unser ganzes Leben. Im Alltag gelingt es uns nur besser, sie nicht wahrzunehmen, sondern uns ihnen einfach zu unterwerfen. Und uns zu wundern, warum wir es nicht schaffen, zu sein, wie wir sein wollen oder sollen.
In der Meditation hingegegen können wir ihnen weder ausweichen noch sie schönreden. Uns selber Vorwürfe zu machen, warum wir so etwas simples nicht hinkriegen, das schon. Das geht auch in der Meditation. Hilft aber kein bisschen. Im Gegenteil. Es macht alles noch schlimmer.
Wie werden wir diese verflixten Saboteure, diese Hindernisse los?
Genau da liegt schon der erste grosse Stolperstein. Je mehr wir die Hindernisse loswerden wollen, umso stärker werden sie. Fies, ich weiss.
Wenn wir erst mal verstehen, dass wir sie uns nicht einfach wegwünschen oder wegwillenskraften können, stellen wir uns vielleicht die Frage, wie wir sie sonst loswerden können. Warum es mit Vorsätzen und Willenskraft nicht auf Dauer funktioniert. Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir die erst mal erkennen. Verstehen, was sie sind und wie sie funktionieren. Wir müssen sie durchschauen. Und wenn wir das tun, ernsthaft tun, werden wir merken, dass genau das der Weg ist, um sie zu überwinden. Kein Kraftakt nötig. Nur erkennen und verstehen.
Anstatt zu schimpfen, dass wir schon wieder abgeschweift sind, können wir uns anschauen, was uns gerade von der Praxis abhält. Wenn wir das immer wieder tun und es im Geist benennen, fällt uns auf, dass es immer wieder dieselben Dinge sind, die uns von der Praxis abhalten.
1. Die Sinnesgier, kāmacchanda
Kāmacchanda, der Wunsch nach Sinnlichkeit, schliesst nicht nur den Wunsch nach sinnlichen Erlebnissen ein. Obwohl es uns schon passieren kann, dass wir das Beobachten der Bauchdecke vergessen und wir uns lieber mit dem herrlichen Duft frischgebackenen Kuchens beschäftigen.
Die Gier nach Sinneskontakten geht aber viel tiefer. Es ist bereits das Wissenwollen, was es ist, was wir da riechen. Oder hören. Das sich damit beschäftigen, was da gerade an Phänomenen vor unserem geistigen Auge auftritt. Hat das Licht, die Farben, die Bilder oder was auch immer Auftritt etwas zu bedeuten? Und wenn ja, was? Ist das ein Nimitta? Die Angrenzende Sammlung? Ist das ein Jhana? Eine Erleuchtungserfahrung? Ich habe mal irgendwo gelesen, dass … Und schon sind wir überall, nur nicht bei unserer Bauchdecke.
Es geht beim Wunsch nach Sinnlichkeit gar nicht mal so sehr um angenehme Sinneserfahrungen, obwohl wir die natürlich bevorzugen. Sondern darum, überhaupt etwas wahrzunehmen, uns mit etwas beschäftigen zu können. Vorzugsweise etwas abwechslungsreicheres als das Heben und Senken der Bauchdecke. Das wird doch recht schnell langweilig und wir ziehen es vor, unterhalten zu werden.
In dem Moment, wo ein Sinneskontakt entsteht, wird er vom Gefühl, vedana, eingefärbt. Wir empfinden ihn als angenehm oder als unangenehm, wobei wir das erste zwar bevorzugen, uns mit letzterem aber sehr gerne und lange beschäftigen. Es gibt auch weder-angenehme-noch-unangenehme Gefühle, aber die nehmen wir meistens gar nicht bewusst wahr, sondern ignorieren sie.
Sofort steigen entsprechende Wünsche nach mehr in uns auf, die das Erlebnis noch stärker einfärben. Der Buddha vergleicht das erste Hindernis mit gefärbtem Wasser:
Gleichwie, Brahmane, wenn in einem Topf Wasser versetzt ist mit Lackrot, mit Gelbwurz, mit Indigoblau, mit Braun: da könnte auch ein scharf sehender Mann, der darin sein Spiegelbild betrachten wollte, es nicht wirklichkeitsgemäß erkennen und sehen. Ebenso nun auch, Brahmane, zu einer Zeit, in der man mit einem Gemüt verweilt, das von Sinnenreiz umsponnenen, von Sinnenreiz erfüllt ist, und in der man nicht wirklichkeitsgemäß erkennt, wie man dem erschienenen Sinnenreiz entrinnt, zu einer solchen Zeit erkennt und sieht man weder wirklichkeitsgemäß das eigene Heil noch das Heil anderer noch das gemeinsame Heil; und selbst die Sprüche, die man lange Zeit auswendig gelernt hat, fallen einem nicht ein, geschweige denn die nicht auswendig gelernten. (SN 46.55)
In ihrer extremsten Ausprägung kennen wir dieses eingefärbt-sein von der sprichwörtlichen rosaroten Brille. Jemand ist so verliebt in jemanden, dass nur noch das Positive an dieser Person gesehen werden kann. Da ist es so stark, dass es offensichtlich ist. Aber die Faszination lässt uns die Welt immer eingefärbt sehen, wir bemerken es nur nicht.
Diese Gier nach Sinneskontakten treibt uns zwanghaft an, ob wir wollen oder nicht. Wir sind ständig auf der Hut, nur ja nichts zu verpassen. Der Buddha vergleicht das in einem anderen Gleichnis mit Schulden, denen wir nachkommen müssen. Und beschreibt das Gefühl, wenn wir den Schulden entkommen sind:
Wie, Großkönig, wenn ein Mensch Schulden gemacht hätte um, sie einzusetzen in verschiedenen Geschäften, dem würden die Geschäfte gedeihen, so dass er die alten Schulden tilgen könnte und darüber hinaus noch ein Rest übrigbleiben würde, um die Familie zu ernähren. Dem käme folgender Gedanke: ‚Ich habe vorher Schulden gemacht, um sie einzusetzen in verschiedenen Geschäften. Mir sind die Geschäfte gediehen, so dass ich die alten Schulden tilgen konnte und mir darüber hinaus noch ein Rest übriggeblieben ist, um die Familie zu ernähren.‘ Jener erfährt aus diesem Grunde eine Frohgestimmtheit, erlangt Erfreutsein. (DN 2)
Welche Erleichterung, wenn wir nicht mehr der Rückzahlung der Schulden hinterherrennen müssen, sondern entspannt das Leben gebiessen können!
2. Übelwollen, byāpāda
Das Übelwollen ist die Kehrseite der Sinnesgier. Denn leider sind ja nicht alle sinnlichen Erlebnisse angenehm. Wir sehnen uns zwar nach Sinneskontakten. Wenn sie uns aber nicht zusagen, wollen wir sie loswerden oder verändern. Wie oft erwischen wir uns in der Meditation beim Wiederkäuen vergangener Gespräche und Situationen, die nicht nach unserer Zufriedenheit verlaufen sind? Regen uns über vergangenes Unrecht auf? Ärger und Zorn wühlen uns auf und unser Geist ist weit entfernt von Ruhe. Kein Wunder, vergleicht der Buddha das zweite Hindernis mit kochendem Wasser:
69. Gleichwie etwa, Brahmane, wenn in einem über dem Feuer erhitzten Topf das Wasser aufkocht und überkocht: da könnte auch ein scharf sehender Mann, der darin sein Spiegelbild betrachten wollte, es nicht wirklichkeitsgemäß erkennen und sehen. Ebenso nun auch, Brahmane: Zu einer Zeit, in der man mit einem Gemüt verweilt, das von Haß umsponnen, von Haß erfüllt ist, und man nicht wirklichkeitsgemäß erkennt, wie man dem erschienenen Haß entrinnt, zu einer solchen Zeit erkennt und sieht man weder wirklichkeitsgemäß das eigene Heil noch das Heil anderer noch das gemeinsame Heil; und selbst die Sprüche, die man lange Zeit auswendig gelernt hat, fallen einem nicht ein, geschweige denn die nicht auswendig gelernten.
Wir haben häufig den Eindruck, Ärger würde uns Kraft verleihen. Das ist aber ein Trugschluss. Im Gegenteil, Ärger und Ablehnung kosten uns enorm viel Energie, die sinnlis verpufft und uns schlussendlich ausgelaugt und erschöpft zurücklässt.
Der Buddha vergeicht es daher auch mit einem kranken Mann und die Befreiung davon mit dem Gefühl, wenn man nach überstandener Krankheit wieder gesund und fit ist:
70. Wie, Großkönig, wenn ein Mensch krank wäre, leidend, schwerkrank wäre, das Essen bekäme ihm nicht, und sein Körper hätte keine Kraft mehr. Der würde nach einer gewissen Zeit von der Krankheit geheilt, das Essen bekäme ihm wieder, und sein Körper hätte wieder Kraft. Dem käme folgender Gedanke: ‚Ich war krank, leidend, schwerkrank. Das Essen bekam mir nicht, und mein Körper hatte keine Kraft mehr. Nach einer gewissen Zeit wurde ich von der Krankheit geheilt, das Essen bekam mir wieder, und mein Körper hatte wieder Kraft.‘ Er erfährt aus diesem Grunde eine Frohgestimmtheit, erlangt Erfreutsein.
3. Trägheit und Mattigkeit, thīna-middha
Beim dritten Hindernis handelt es nicht um eine körperliche Müdigkeit, weil der Körper Erholung braucht, um gut funktionieren zu können. Sondern um eine geistige Müdigkeit, die aus Unlust entstanden ist. Man ist nicht zu müde, um zu meditieren, sondern man hat keine Lust mehr, sich zu bemühen. Der Geist fühlt sich trüb und schwerfällig an und jede geistige Bewegung kostet Kraft. Da man gegen diese Unlust ankämpfen muss, um weiter zu machen, fühlt sich jeder Schritt zäh und anstrengend an, als würde man durch einen Sumpf waten und nur mit Mühe den Fuss gegen den Sog des Sumpfes herausziehen können, um gleich wieder zu versinken.
Der Buddha vergleicht es mit Algen, die das Wasser trüben. Genau so trübt Trägheit und Unlust den Geist:
Gleichwie etwa, Brahmane, wenn das Wasser in einem Topf von Moos und Wasserpflanzen überwuchert ist: da könnte auch ein scharf sehender Mann, der darin sein Spiegelbild betrachten wollte, es nicht wirklichkeitsgemäß erkennen und sehen. Ebenso nun auch, Brahmane: zu einer Zeit, in der man mit einem Gemüte verweilt, das von matter Müde umsponnen, von matter Müde erfüllt ist und in der man nicht wirklichkeitsgemäß erkennt, wie man der erschienenen matten Müde entrinnt, zu einer solchen Zeit erkennt und sieht man weder wirklichkeitsgemäß das eigene Heil noch das Heil anderer noch das gemeinsame Heil; und selbst die Sprüche, die man lange Zeit auswendig gelernt hat, fallen einem nicht ein, geschweige denn die nicht auswendig gelernten.
Diese Schwerfälligkeit des Geistes fühlt sich wie ein Gefängnis an, in dem man sich nicht mehr bewegen kann. Der Buddha vergleicht es daher auch mit Gefangenschaft:
71. Wie, Großkönig, wenn ein Mensch im Gefängnis eingeschlossen wäre. Der würde nach einer gewissen Zeit im guten Zustand und ohne Schaden aus der Gefangenschaft befreit, und kein bisschen Besitz ginge ihm verloren. Dem käme folgender Gedanke: ‚Ich war im Gefängnis eingeschlossen. Nach einer gewissen Zeit wurde ich im guten Zustand und ohne Schaden aus der Gefangenschaft befreit, und kein bisschen Besitz ging mir verloren.‘ Er erfährt aus diesem Grunde eine Frohgestimmtheit, erlangt Erfreutsein.
4. Unruhe und Aufregung, uddhacca-kukkucca
Man könnte meinen, das vierte Hindernis sei das Gegenteil vom dritten. Doch ich habe bei mir fedtgestellt, dass sich das eine häufig zum anderen gesellt. Es ist das gleiche Gefühl, wie wenn man zwar müde ist, aber nicht schlafen kann, weil man zu spät zu viel Kaffee oder Schwarztee getrunken hat. Es ist nicht eine tatkräftige Aufgeregtheit, die uns Energie für die Praxis liefert, sondern diese unangenehme Unruhe, die uns wie ein Sklaventreiber antreibt, ohne irgendwohin zu kommen. Die uns Grübeln und reuevoll über vergangene Fehler nachdenken lässt, die wir siwieso nicht mehr ändern können.
Der Buddha verglich das vierte Hindernis mit Wind, der das Wasser aufwühlt:
Gleichwie etwa, Brahmane, wenn in einem Topf das Wasser vom Wind aufgerührt, bewegt ist, unstet und Wellen schlägt: da könnte auch ein scharf sehender Mann, der darin sein Spiegelbild betrachten wollte, es nicht wirklichkeitsgemäß erkennen und sehen. Ebenso nun auch, Brahmane: Zu einer Zeit, in der man mit einem Gemüte verweilt, das von Erregung und Unruhe umsponnen, von Erregung und Unruhe erfüllt ist, und in der man nicht wirklichkeitsgemäß erkennt, wie man der erschienenen Erregung und Unruhe entrinnt, zu einer solchen Zeit erkennt und sieht man weder wirklichkeitsgemäß das eigene Heil noch das Heil anderer nach das gemeinsame Heil; und selbst die Sprüche, die man lange Zeit auswendig gelernt hat, fallen einem nicht ein, geschweige denn die nicht auswendig gelernten.
Da diese Unruhe verhindert, was wir tun möchten, sondern uns nur hin und her scheucht, ohne dass etwas Positives dabei heraus kommt, vergleicht sie der Buddha mit einem Diener:
72. Wie, Großkönig, wenn ein Mensch ein Diener wäre, unselbständig, von anderen abhängig, könnte nicht gehen, wohin er will. Der würde nach einer gewissen Zeit aus der Dienerschaft entlassen, wäre selbständig, von niemandem abhängig, ein freier Mann, könnte gehen wohin er wollte. Dem käme folgender Gedanke: ‚Ich war ein Diener, unselbständig, von anderen abhängig, konnte nicht gehen wohin ich wollte. Nach einer gewissen Zeit wurde ich aus der Dienerschaft entlassen, war selbständig, von niemandem abhängig, ein freier Mann, konnte gehen wohin ich wollte.‘ Er erfährt aus diesem Grunde eine Frohgestimmtheit, erlangt Erfreutsein.
5. Zweifel, vicikicchā
Das fünfte Hindernis ist wohl das schädlichste für unsere Praxis. Es lässt uns daran zweifeln, ob der eingeschlagene Weg tatsächlich der Richtige ist. Hat der Buddha wirklich Befreiung vom Leid realisiert? Führt sein Dhamma wirklich zur Auflösung allen Leids? Ist wirklich die Anhaftung das Problem? Ist diese Methode, die ich praktiziere, wirklich die Richtige für mich? Ist Erleuchtung heutzutage überhaupt noch möglich? Und am allerschlimmsten: Bin ich dazu überhaupt fähig?
Gier, Ablehnung, Trägheit und Unruhe können wir überwinden, wenn wir uns bemühen. Aber wenn wir dem Zweifel glauben, dann bemühen wir uns gar nicht mehr. Es ist ja ohnehin sinnlos.
Wir verzweifeln und können keinen Ausweg mehr sehen.
Der Buddha vergleicht Zweifel mit schlammigem Wasser, das zu allem Überfluss auch noch im Dunkeln steht:
Gleichwie etwa, Brahmane, wenn ein Topf mit trübem, aufgestörtem, schlammigem Wasser ins Dunkle gestellt worden ist: da könnte auch ein scharf sehender Mann, der darin sein Spiegelbild betrachten wollte, es nicht wirklichkeitsgemäß erkennen und sehen. Ebenso nun auch, Brahmane: Zu einer Zeit, in der man mit einem Gemüte verweilt, das von Zweifel umsponnen, von Zweifel erfüllt ist, und in der man nicht wirklichkeitsgemäß erkennt, wie man dem erschienenen Zweifel entrinnt, zu einer solchen Zeit erkennt und sieht man weder wirklichkeitsgemäß das eigene Heil noch das Heil anderer noch das gemeinsame Heil; und selbst die Sprüche, die man lange Zeit auswendig gelernt hat, fallen einem nicht ein, geschweige denn die nicht auswendig gelernten.
Dieser Verlust der Orientierung vergleicht der Buddha mit jemandem, der ein gefährliches, unwegsames Gebiet durchqueren muss, in dem er Gefahr läuft, sich zu verirren:
73. Wie, Großkönig, wenn sich ein reicher, besitzender Mensch auf eine Reise durch ein unwegsames, gefahrvolles Gebiet begibt, wo Speise schwer zu erlangen ist. Der hat nach einer gewissen Zeit das unwegsame Gebiet verlassen, und kommt wohlbehalten am Dorfrand an, ist gesichert und ohne Gefahr. Dem käme folgender Gedanke: ‚Ich bin ein reicher, besitzender Mensch und hatte mich auf eine Reise durch ein unwegsames, gefahrvolles Gebiet begeben, wo Speise schwer zu erlangen ist. Jetzt habe ich das unwegsame Gebiet verlassen und bin wohlbehalten am Dorfrand angekommen, bin gesichert und ohne Gefahr.‘ Er erfährt aus diesem Grunde eine Frohgestimmtheit, erlangt Erfreutsein.
Wenn wir aufhören, die Hindernisse loswerden zu wollen, sondern sie uns einfach nur anschauen und uns bewusst machen, welchen Effekt sie auf uns haben, uns vielleicht sogar die Gleichnisse ins Gedächtnis rufen, die der Buddha uns dafür gegeben hat, dann können wir lernen, wodurch sie entstehen und wie sie wieder vergehen.
Die Hindernisse entstehen nämlich nicht einfach so aus dem nichts heraus. Sie haben eine Ursache, Nahrung, die sie wachsen lassen.
Die erläutert der Buddha in SN 46.51:
Was aber ist, ihr Mönche, die Nahrung, um einen noch nicht erschienenen Wunscheswillen erscheinen und einen erschienenen sich weiter entfalten und reif werden zu lassen? Man kann sich, ihr Mönche, Schönes vorstellen: was dabei an seichter Aufmerksamkeit sich ausbreitet, das ist die Nahrung, um einen noch nicht erschienenen Wunscheswillen erscheinen und einen erschienenen sich weiter entfalten und reif werden zu lassen.
Was aber ist, ihr Mönche, die Nahrung, um einen noch nicht erschienenen Haß erscheinen und einen erschienenen sich weiter entfalten und reif werden zu lassen? Man kann sich, ihr Mönche, etwas vorstellen, das einem widersteht: was dabei an seichter Aufmerksamkeit sich ausbreitet, das ist die Nahrung, um einen noch nicht erschienenen Haß erscheinen und einen erschienenen sich weiter entfalten und reif werden zu lassen.
Was aber ist, ihr Mönche, die Nahrung, um noch nicht erschienene matte Müde erscheinen und erschienene sich weiter entfalten und reif werden zu lassen? Es gibt, ihr Mönche, Unlust, Lauheit, Räkeln, Gemütlichkeit nach dem Mahle, Schlaffheit des Gemütes: was dabei an seichter Aufmerksamkeit sich ausbreitet, das ist die Nahrung, um eine noch nicht erschienene matte Müde erscheinen und eine erschienene sich weiter entfalten und reif werden zu lassen.
Was aber ist, ihr Mönche, die Nahrung, um noch nicht erschienene Erregung und Unruhe erscheinen und erschienene sich weiter entfalten und reif werden zu lassen? Es gibt, ihr Mönche, ein Nicht-zur-Ruhe-Kommen des Gemütes: was dabei an seichter Aufmerksamkeit sich ausbreitet, das ist die Nahrung, um noch nicht erschienene Erregung und Unruhe erscheinen und erschienene sich weiter entfalten und reif werden zu lassen.
Was aber ist, ihr Mönche, die Nahrung, um einen noch nicht erschienenen Zweifel erscheinen und einen erschienenen sich weiter entfalten und reif werden zu lassen? Es gibt, ihr Mönche, bezweifelbare Dinge: was dabei an seichter Aufmerksamkeit sich ausbreitet, das ist die Nahrung, um einen noch nicht erschienenen Zweifel erscheinen und einen erschienenen sich weiter entfalten und reif werden zu lassen.
Wenn wir durch ablehnungsfreie Untersuchung der Hindernisse und die Belehrung des Buddha erkennen, was die Hindernisse entstehen und wachsen lässt, dann können wir uns dafür entscheiden, damit aufzuhören.
Mehr noch, wir können aktiv das Gegenteil der Hindernisse fördern.
Jedes Hindernis hat nämlich seinen Gegenspieler. Es kann nicht gleichzeitig hell und dunkel sein. Heiss und kalt. Nass und trocken. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das Gegenteil des Hindernisses richten, kann es gar nicht anders, als sich aufzulösen. Wir müssen nicht gegen das Hindernis unternehmen, sondern nur sein Gegenteil mit Energie versorgen.
Wenn wir nicht jedem Sinnesreiz nachgehen, sondern ihn mittels achtsamer Benennung einfach nur anerkennen und wieder loslassen, entziehen wir der Sinnesgier die Energie, die sie zum wachsen braucht.
Wenn wir die Unbeständigkeit, anicca, betrachten, lässt die Faszination an den Sinnesobjekten nach. Wozu etwas hinterher jagen, das uns ja doch von einem gewissen Zeitpunkt an nur unangenehme Erlebnisse bieten kann.
Übelwollen und Ablehnung kann nicht bestehen, wenn wir unser Herz mit Wohlwollen und Freude füllen. Es ist sehr schwer, sich gleichzeitig zu freuen und sich zu ärgern.
Wenn wir es Mitgefühl und Geduld füllen. Gegenüber Sinneseindrücken, Situationen, anderen Menschen, aber vor allem gegenüber uns selbst.
Gegen die Trägheit hilft Energie. Die können wir erzeugen, indem wir die Trägheit zu einem spannenden Untersuchungsobjekt machen. Unlust verträgt nichts spannendes. Sie verträgt auch keine Freude. Wenn wir uns bemühen, mit Begeisterung an die Möglichkeit zur Befreiung zu denken, die der Buddha und sein Dhamma uns bieten, können Freude und Energie in uns entstehen und Unlust und Trägheit verdrängen.
Gegen Unruhe hilft Ruhe. Das klingt nach einer Binsenweisheit: hätte ich Ruhe, wäre ich ja nicht unruhig. Das Problem ist ja eben, dass keine Ruhe vorhanden ist. Wir können den Körper aber aktiv entspannen und uns bemühen, die Unruhe ruhig zu betrachten. Und schon habe wir die Hintertüre gefunden, durch die wir die Ruhe hereinschmuggeln können.
Gegen Zweifel hilft die Untersuchung der Dhammas. Wenn wir die Dinge untersuchen, sie uns wirklich tiefgreifend gründlich anschauen und untersuchen, werden wir feststellen, dass der Buddha mit dem, was er gelehrt hat, recht hatte. Dass wir bereits in der Lage waren, Fortschritte zu erzielen und daher davon ausgehen können, dass wir auch weiterhin dazu in der Lage sein werden.
Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass die Gegemittel zu den Hindernissen die Erleuchtungsglieder sind.
Achtsamkeit, sati, hilft bei allen, denn ohne Achtsamkeit können wir weder erkennen, dass wir von ihnen befallen sind, noch wie sie entstehen und wachsen. Und erst recht nicht, wie wir sie überwinden können.
Der Gleichmut, upekkha, verhindert, dass wir in Ablehnung verfallen, was ja schon in sich wieder ein Hindernis ist.
Durch die Untersuchung, dhammavijjaya, erkennen wir die Prozesse der Hindernisse und lösen Trägheit und Zweifel auf.
Freude, piti, und Energie, viriya, vertreiben Unlust und Trägheit.
Freude hilft auch hervorragend bei Ärger und Ablehnung.
Gestilltheit, passadhi, lässt sowohl der Sinnesgier als auch der Unruhe keinen Raum, genau wie die Sammlung, samadhi.
Vielleicht können wir durch die gründliche Untersuchung der Hindernisse erkennen, dass sie kein gar Problem sind, sondern im Gegenteil wunderbare Lehrer. Sie weisen uns darauf hin, an welchen Erwachensglieder wir noch arbeiten müssen, um das Erwachen realisieren zu können.
Diese Untersuchung wird in der Satipatthanasutta dargelegt:
„Da ist ein Hindernis.“
„Da ist kein Hindernis.“
Wie entsteht es?
Wie verschwindet es?
Wie entsteht es künftig nicht mehr?
Ich glaube es war Ajahn Chah, der die Hindernisse mit Gästen in einem Wirtshaus verglich. Sie kommen, sind eine Weile da und gehen wieder. Indem wir uns für sie interessieren und sie kennenlernen verstehen wir, warum sie kommen und sich bei uns wohlfühlen. Wenn wir das verstehen, können wir Bedingungen schaffen, die ihnen nicht zusagen. So erscheinen sie immer seltener, bis sie uns gar nicht mehr belästigen.
Wir können die Perspektive auf die Meditation ändern. Anstatt die Meditationsmethode als Aufgabe zu betrachten und die Hindernisse als scheitern, können wir das Durchschauen der Hindernisse als Meditationsaufgabe nehmen. Solange keines da ist, betrachten wir eben die Bauchdecke und die Körperhaltung, bis endlich wieder eines auftaucht, das wir untersuchen können und an dem wir die Erleuchtungsfaktoren üben können. Wenn wir auf die Gelegenheit warten, mit den Hindernissen zu arbeiten, verlieren sie ihren Schrecken.
Natürlich haben wir es nicht nur in der Meditation, sondern auch im Alltag mit den fünf Lehrern zu tun. Wenn wir in der Meditation gelernt haben sie zu erkennen, erkennen wir sie auch im Alltag und lassen uns nicht mehr so leicht um den Finger wickeln. Wenn wir in der Meditation ihre Gegenmittel erkannt und kultiviert haben, stehen sie uns auch im Alltag zur Verfügung. Wir erkennen, welches Hindernis uns gerade sabotiert und lassen uns von ihm nicht einwickeln, sondern holen einfach das Gegenmittel aus der Schublade.
Wir erkennen und verstehen, was da ist.
Wir wissen, welche Nahrung wir ihm entziehen müssen, damit es sich auflöst.
Wir wissen, was wir entfalten müssen, damit es nicht wieder entstehen kann.

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