Heute ist Ayya Phalanyanis Geburtstag. Deshalb halte ich den Vortrag, quasi mein Geburtstagsgeschenk an sie.
Ist es für Buddhisten überhaupt angemessen, Geburtstag zu feiern? Wir versuchen ja, das Leid zu überwinden. Und der erste Punkt in der Aufzählung der ersten edlen Wahrheit, was Leiden ist, lautet: jātipi dukkha: auch Geburt ist Leiden.
Geburt ist der erste leidhafte Schritt in immer noch mehr Leid.
Der Tod als Inbegriff des Nicht-Wünschenswerten ereilt uns nicht, weil wir ungesund gelebt haben oder weil uns ein Unglück widerfahren ist oder weil wir krank wurden. Der Tod ereilt uns, weil wir geboren wurden.
Wenn Geburt leidhaft ist, was gibt es da zu feiern?
Als ich vor meiner Nonnenlaufbahn in der Metta Vohara lebte, erzählte man mir, dass Ayya Khema ihr Beileid auszusprechen pflehte, wenn jemand Geburtstag hatte. Was nicht unbedingt immer gut ankam. Normalerweise ist es ja so, dass die Geburt, ja Existenz und das Leben an sich als etwas positives betrachtet wird, ja als etwas Heiliges. Lebensfreude wird als positiv betrachtet und der Mangel an Freude am Leben als krankhaft, als Anzeichen einer Depression.
Das sah der Buddha ganz anders:
In AN 1.32 Dem Gleichnis vom Kot, weist er explizit aud die Nicht-wünschenswertigkeit jeglicher Form von Existenz hin:
Gleichwie, ihr Mönche, selbst schon ein wenig Kot, Urin, Schleim, Eiter oder Blut übel riecht, so auch preise ich nicht einmal ein kurzes Dasein, auch nicht für einen Augenblick.
Das lässt an Deutlichkeit wirklich nicht zu wünschen übrig und lässt keinerlei Interpretationsspielraum.
Auch im Gespräch mit Mara erklärt die Ehrwürdige Vajira, dass nur Leiden entsteht, nur Leiden vergeht. Ausser Leiden entsteht nichts, da alles Entstandene leidhaft ist (SN 5.10):
Mara:
Von wem ist denn dieses Lebewesen gemacht? Wo ist der Verfertiger des Lebewesens? Wie ist das Lebewesen entstanden, wie wird das Lebewesen aufgehoben?“
Vajira:
Warum hängst du so am Wort „Lebewesen“? Das ist nur deine Irrlehre, Māra.Wo da nur eine Anhäufung von bloßen Gestaltungen ist, da nimmt man kein Lebewesen wahr. Denn wie bei Ansammlung der Bestandteile das Wort „Wagen“ entsteht, so entsteht, wenn die Lebensbestandteile vorhanden sind, der Ausdruck „Lebewesen“.
Aber nur das Leiden entsteht da, Leiden ist vorhanden und vergeht.
Nichts außer dem Leiden entsteht, nichts andres als das Leiden wird aufgehoben.“
Wenn nichts als Leiden entsteht, was gibt es sich da daran zu freuen, dass wir leben?
Lebensfreude ist nur ein Produkt unweiser Betrachtung der Existenz, wie sie eben nicht ist.
Der Buddha wurde auch nicht müde, immer wieder ausdrücklich auf die Leidhaftigkeit der Geburt hinzuweisen
Natürlich in der ersten edlen Wahrheit:
Dies nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden:
Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer, Jammer, Schmerz, Trübsinn und Verzweiflung sind Leiden; vereint sein mit Unliebem ist Leiden, getrennt sein von Lieben ist Leiden; was man verlangt, nicht erlangen, ist Leiden. Kurz gesagt: die fünf Faktoren des Ergreifens sind Leiden.
(SN 56.11)
Aber auch in der Feuerlehrrede:
Alles, ihr Mönche, ist in Brand. Was alles aber, ihr Mönche, ist in Brand?
Das Auge, ihr Mönche, und die Formen,
Das Ohr und die Töne
Die Nase und die Düfte,
Die Zunge und die Säfte,
Der Körper und die Gegenstände,
Der Geist und die Dinge sind in Brand.
Das sechsfache Bewusstsein, die sechsfache Berührung und was durch die Berührung bedingt an Fühlbarem aufsteigt, sei es Wohl oder Wehe oder Weder-wehe-nach-wohl, auch das ist in Brand.
Und wodurch brennt es?
Durch Feuer der Reize,
Feuer der Abwehr,
Feuer der Verblendung ist es in Brand.
Durch Geburt,
Alter und Sterben,
durch Kummer, Jammer, Schmerz, Trübsinn und Verzweiflung brennt es, sag ich.
Auch das Paritta des Angulimala für Schwangere entstand aufgrund Angulimalas Reflektion über die Leidhaftigkeit der Geburt (MN 86):
14. Danach, als es Morgen war, zog sich der ehrwürdigeAṅgulimāla an, nahm seine Schale und äußere Robe und ging um Almosen nach Sāvatthī hinein. Als er in Sāvatthī um Almosen von Haus zu Haus zog, sah er eine bestimmte Frau, die gerade unter großen Schwierigkeiten ein Kind gebar. Als er dies sah, dachte er: „Wie sehr die Lebewesen leiden! In der Tat, wie sehr die Lebewesen leiden!“
Das ganze Dhamma dreht sich ja im Grunde nur um die Frage, wie wir dem Kreislauf der Geburten entkommen können. Was gibt es da also an dr Geburt zu feiern?
Nun, es gibt durchaus Aspekte, die es sich zu feiern lohnt. Obwohl der Buddha zu recht nicht einmal das kürzeste Dasein lobt, so gibt es doch sehr viele Daseinsmöglichkeiten, in denen Befreiung vom Leid kaum möglich bis völlig unmöglich ist. Und die Daseinsmöglichkeiten, in denen Befreiung überhaupt möglich ist, sind ausgesprochen selten.
So sagt der Buddha in AN 1.33, dem Gleichnis von der indischen Erde:
Gleichwie, ihr Mönche, es auf dieser indischen Erde nur wenige liebliche Gärten, Haine, Felder und Teiche gibt, aber bei weitem mehr Abhänge und Schluchten, schwer passierbare Flüsse, stoppeliges und dorniges Gelände und unwegsames Gebirge –
Ebenso gibt es nur wenige Wesen auf dem Lande und bei weitem mehr im Wasser;
Ebenso werden nur wenige Wesen unter den Menschen wiedergeboren und bei weitem mehr außerhalb des Menschtums;
Ebenso werden nur wenige Wesen in den mittleren Gegenden [Indiens] wiedergeboren und bei weitem mehr in den Grenzgebieten unter unverständigen Barbaren;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die verständig sind, nicht stumpfsinnig, nicht taub oder stumm, und fähig sind, zwischen einer wohl gesprochenen und nicht wohl gesprochenen Rede zu unterscheiden; bei weitem mehr Wesen gibt es aber, die unverständig sind, stumpfsinnig, taub oder stumm, und unfähig, zwischen wohl gesprochener und nicht wohl gesprochener Rede zu unterscheiden;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die das heilige Auge der Weisheit besitzen, und bei weitem mehr solche, die voll Unwissenheit sind und verblendet;
Ebenso bekommen nur wenige Wesen den Vollendeten zu sehen, und bei weitem mehr bekommen ihn nicht zu sehen;
Ebenso bekommen nur wenige Wesen die vom Vollendeten verkündete Lehre und Zucht zu hören, und bei weitem mehr bekommen sie nicht zu hören;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die sich die vernommene Lehre einprägen, und bei weitem mehr solche, die sie sich nicht einprägen;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die der eingeprägten Lehre Sinn erforschen, und bei weitem mehr solche, die den Sinn nicht erforschen;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, welche die Lehre und ihren Sinn verstehen und der Lehre gemäß leben; aber bei weitem mehr solche, die die Lehre und ihren Sinn nicht verstehen und auch nicht der Lehre gemäß leben;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die bei ergreifenden Anlässen ergriffen werden, und bei weitem mehr, die dabei nicht ergriffen werden;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die, wenn ergriffen, sich weise mühen, und bei weitem mehr solche, die, wenn ergriffen, sich nicht weise mühen;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die, mit der Loslösung als ihr Ziel, Sammlung und Einheit des Geistes gewinnen, und bei weitem mehr solche, die, mit der Loslösung als Ziel, die Sammlung und Einheit nicht gewinnen;
Ebenso werden nur wenigen Wesen gute Speisen und Getränke zuteil, und bei weitem mehr Wesen sind gute Speisen und Getränke versagt, und sie müssen ihr Leben mit Aufgelesenem und Erbetteltem fristen;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, denen der Wesensgehalt der Lehre, der Wesensgehalt ihresSinns und der Wesensgehalt der Erlösung (*1)beschieden ist, und bei weitem mehr Wesen ist er nicht beschieden. Darum, ihr Mönche, sollt ihr danach streben: »Den Wesensgehalt der Lehre, den Wesensgehalt ihres Sinnes und den Wesensgehalt der Erlösung wollen wir gewinnen!« Das, ihr Mönche, sei euer Streben!
Gleichwie, ihr Mönche, es auf dieser indischen Erde nur wenige liebliche Gärten, Haine, Felder und Teiche gibt, aber bei weitem mehr Abhänge und Schluchten, schwer passierbare Flüsse, stoppliges und dorniges Gelände und unwegsames Gebirge –
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die, als Menschen abscheidend, unter den Menschen oder den Himmelswesen wiedergeboren werden, und bei weitem mehr Wesen gibt es, die, als Menschen abscheidend, in einer Hölle wiedergeboren werden, in tierischem Schoß oder im Gespensterreich;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die, als Himmelswesenabscheidend, unter den Himmelswesen oder Menschen wiedergeboren werden, und bei weitem mehr gibt es, die, als Himmelswesenabscheidend, in einer Hölle wiedergeboren werden, in tierischem Schoß oder im Gespensterreich;
Ebenso gibt es nur wenige Wesen, die, aus der Hölle, dem Tierschoß oder dem Gespensterreichabscheidend, unter den Menschen oder den Himmelswesen wiedergeboren werden, und bei weitem mehr gibt es, die, aus der Hölle, dem Tierschoß oder dem Gespensterreichabscheidend, eben dort wiedergeboren werden.
Wie ausserordentlich selten eine menschliche Geburt ist, erläutert der Buddha anhand des Gleichnisses von der Schildkröte und dem Joch (MN 129):
23. „Ihr Bhikkhus, ich könnte euch auf vielfache Weise vom Tierreich erzählen. So viel, daß es schwer ist, ein Gleichnis für das Leiden im Tierreich zu finden.“
24. „Angenommen, ein Mann würfe ein Joch mit einem Loch darin ins Meer, und dann triebe es der Ostwind nach Westen, und der Westwind triebe es nach Osten, und der Nordwind triebe es nach Süden, und der Südwind triebe es nach Norden. Angenommen, es gäbe eine blinde Schildkröte, die nur einmal am Ende eines jeden Jahrhunderts auftauchte. Was meinst ihr, Bhikkhus? Würde jene blinde Schildkröte den Hals durch das Joch mit einem Loch darin stecken?“
„Sie könnte das tun, ehrwürdiger Herr, irgendwann nach sehr langer Zeit.“
„Ihr Bhikkhus, die blinde Schildkröte würde weniger Zeit benötigen, um den Hals durch jenes Joch mit dem einen Loch darin zu stecken, als ein Tor, wenn er erst einmal ins Verderben geraten ist, benötigen würde, um das menschliche Dasein wiederzuerlangen, sage ich. Warum ist das so? Weil es dort keine Dhamma-Praxis gibt, kein Praktizieren dessen, was rechtschaffen ist, keine Ausübung dessen, was heilsam ist, kein Ansammeln von Verdiensten. Dort herrscht gegenseitiges Fressen und Gefressenwerden, und das Abschlachten des Schwachen.“
Genau genommem geht es in diesem Gleichnis noch nicht einmal darum, überhaupt als Mensch wiedergeboren zu ewerden, sondern nur darum, wie unendlich schwierig es ist, vom Tierreich aus wieder zur menschlichen Existenz zu kommen. Wie unfassbar schwieig muss es dann sein, von untertierischen Daseinsbereichen wie den Hungergeistern oder Höllenwesen es zurück ins menschliche Dasein zu schaffen. Und wenn schon im Tierreich keine Praxis möglich ist, dann ist es in diesen Bereichen erst recht völlig unmöglich.
Aber auch die Wiedergeburt in Devabereichen oder sogar im Bereich der Brahmas oder in den formlosen Beteichen sind bei weitem nicht so wünschenswert, wie man das auf den ersten Blick denken könnte. Zwar sind das sehr glückselige Zustände. Aber in den formlosen Bereichen zum Beispiel sind wir weder in der Lage, das Dhamma zu hören noch zu praktizieten, da wir nicht mehr über Sinne verfügen, anhand derer wir das Leiden erkennen und durchschauen könnten. Auch in den Brahma- und Devabereichen ist so viel Angenehmes vorhanden, dass uns der Leidensdruck fehlt, um uns zur Praxis aufzuraffen. In MN 37 wird die Geschichte erzählt, wie Mahamoggalana Sakka, den Götterkönig der Dreiunddreisdig aufsucht, und ihn mit Sinnesfreuden beschäftigt vorfindet statt mit Praxis. Durch ein magisches Kunststück lässt er dessen Palast erzittern, wodurch Sakka an die Vergänglichkeit erinnert wird und ein Gefühl für die Dringlichkeit der Praxis bekommt. Anhand dieser Geschichte sehen wir schön, wie schnell uns eine konstante, ernsthafte Praxis abhanden kommt, wenn es am Gefühl der Dringlichkeit mangelt, wenn alles rund läuft. Wir verlieren uns in der vermeintlichen Lebensfreude und vergessen, in welcher Gefahr wir schweben, solange wir in Samsara kreisen.
Wenn wir jemandes Geburtstag feiern, so feiern wir nicht die Tatsache, dass diese Person geboren wurde. Das ist tatsächlich ein Anlass für Beileidsbekundungen.
Wir feiern, dass sie es zur menschlichen Existenz geschafft hat.
Wir feiern, dass sie Zugang zum Dhamma hat.
Wir feiern, dass sie das Dhamma lernt und praktiziert.
Wir feiern, dass sie das Dhamma realisiert.
Wir feiern, dass Befreiung von der Geburt in den Bereich des Möglichen gerückt ist.
Oder vielleicht tatsächlich realisiert wird.
Darum feiern wir Ayyas Geburtstag.
Unsere aufrichtigen Glückwünsche dass sie als Mensch geboren wurde, dass das Dhamma in ihr lebt und zu uns weiterfliesst und uns alle inspiriert, das Dhamma ebenfalls so weit es uns eben möglich ist zu realisieren.
Ihr Dasein ist ein grosser Segen für uns alle – möge es ihr letztes Dasein sein!

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