Vortrag vom 30.04.26
Vor zwei Wochen wurde ich nach dem Vortrag gefragt, ob es in Nibbāna noch Bewusstsein gibt. Seither beschäftigt mich die Antwort auf diese Frage, da ich sie nicht mit Sicherheit beantworten konnte. Daher habe ich mich aufgemacht um zu erkunden, was der Buddha denn so alles zum Thema Bewusstsein gesagt hat. Und zu Nibbana.
Dafür müssen wir aber zuerst ein paar sprachliche Hürden überwinden. Welche Pali-Wörter übersetzen wir mit Bewusstsein? Und vor allem: Was verstehen wir eigentlich unter Bewusstsein?
Nur schon der Begriff „Bewusstsein“ ist im Deutschen nämlich schon mal alles andere als klar.
Der Duden gibt mehrere Bedeutungen an:
Bewusstsein
Zustand, in dem man sich einer Sache bewusst ist; deutliches Wissen von etwas, Gewissheit
Beispiele:
das Bewusstsein seiner Kraft erfüllte ihn
er hatte das bedrückende Bewusstsein, versagt zu haben
in dem/im Bewusstsein, ihre Pflicht getan zu haben, ging sie nach Hause
etwas ins allgemeine Bewusstsein bringen
ein Bewusstsein für (selten: über, um) etwas haben, entwickeln
sie rief sich den Vorgang in ihr Bewusstsein zurück (machte sich ihn wieder bewusst)
etwas mit Bewusstsein (bewusst, wissentlich) erleben
etwas mit [vollem] Bewusstsein (absichtlich) tun
Gesamtheit der Überzeugungen eines Menschen, die von ihm bewusst vertreten werden
Beispiele:
mein Bewusstsein änderte sich durch diese Begegnung
das geschichtliche Bewusstsein des deutschen Volkes
das sozialistische Bewusstsein der Bevölkerung entwickeln
Gesamtheit aller jener psychischen Vorgänge, durch die sich der Mensch der Außenwelt und seiner selbst bewusst wird
Beispiel
etwas tritt über die Schwelle des Bewusstseins
Zustand geistiger Klarheit; volle Herrschaft über seine Sinne
Beispiele:
das Bewusstsein verlieren
das Bewusstsein wiedererlangen (zur Besinnung kommen)
bei vollem Bewusstsein (ohne Narkose) operiert werden
wieder zu[m] Bewusstsein (zu sich) kommen
Wikipedia schreibt:
Bewusstsein ist im weitesten Sinne die Summe der mentalen Prozesse Empfindung (primärer Sinneseindruck), Wahrnehmung (Informationsgewinnung und innere „Abbildung“) sowie Erleben (emotionale und kognitive Reaktion).
Es erschwert viele Diskussionen, dass Bewusstsein grundsätzlich zwei Bedeutungen hat. Die erste ist, dass wir überhaupt etwas wahrnehmen und nicht bewusstlos sind. Die zweite, dass wir etwas bewusst wahrnehmen oder tun, also darüber nachdenken beim Wahrnehmen bzw. Tun.
Und weiter:
Man unterscheidet heute in der Philosophie und Naturwissenschaft verschiedene Aspekte und Entwicklungsstufen:
Bewusstsein als „belebt-sein oder als„beseelt-sein“
Bei Bewusstsein sein: Hier ist der wachbewusste Zustand von Lebewesen gemeint, der sich unter anderem vom Schlafzustand, der Bewusstlosigkeit und anderen Bewusstseinszuständen abgrenzt.
Bewusstsein als phänomenales Bewusstsein: Ein Lebewesen, das phänomenales Bewusstsein besitzt, nimmt nicht nur Reize auf, sondern erlebt sie auch (im Sinne einer emotionalen oder kognitiven Reaktion). In diesem Sinne hat man phänomenales Bewusstsein, wenn man etwa Schmerzen hat, sich freut, Farben wahrnimmt oder friert.
Zugriffsbewusstsein: Ein Lebewesen, das Zugriffsbewusstsein besitzt, hat Kontrolle über seine Gedanken, kann Entscheidungen treffen und koordiniert handeln.
Bewusstsein als gedankliches Bewusstsein: Ein Lebewesen, das gedankliches Bewusstsein besitzt, hat Gedanken. Wer also etwa denkt, sich erinnert, plant und erwartet, dass etwas der Fall ist, hat ein solches Bewusstsein.
Bewusstsein des Selbst: Selbstbewusstsein in diesem Sinne haben Lebewesen, die nicht nur phänomenales und gedankliches Bewusstsein haben, sondern auch wissen, dass sie ein solches Bewusstsein haben.
Individualitätsbewusstsein besitzt, wer sich seiner selbst und darüber hinaus seiner Einzigartigkeit als Lebewesen bewusst ist und die Andersartigkeit anderer Lebewesen wahrnimmt.
Ihr seht, die Frage ist an und für sich schon gar nicht so klar. Was für eine Art Bewusstsein soll es in Nibbana geben? Bewusstsein als „belebt-sein?“ Als Gesamtheit der mentalen Prozesse? Als Erleben? Oder als Gegenstück zu Bewusstlosigkeit? Oder Unbewusstheit? Als Fähigkeit zu denken, zu koordinieren und zu entscheiden? Als Bewusstsein über uns selbst, individuelle Wesen zu sein?
Schauen wir uns das doch mal genauer an.
Bewusstsein ist die Summe der mentalen Prozesse Empfindung (primärer Sinneseindruck), Wahrnehmung (Informationsgewinnung und innere „Abbildung“) sowie Erleben (emotionale und kognitive Reaktion).
Bewusstsein ist also das Aufnehmen und Verarbeiten von Sinneseindrücken.
(Das kennen wir zB. aus MN 18:).
Bedingt durch Auge und Formen entsteht Sehbewußtsein; das Zusammentreffen der drei ist Kontakt; durch den Kontakt bedingt ist Gefühl.
Was man fühlt, das nimmt man wahr.
Was man wahrnimmt, darüber denkt man nach.
Worüber man nachdenkt, darüber ufert man begrifflich aus.
Mit dem als Quelle, worüber man begrifflich ausgeufert ist, bedrängen einen Mann die Konzepte, die von begrifflicher Ausuferung geprägt sind, und sich auf vergangene, zukünftige und gegenwärtige Formen, die mit dem Auge erfahrbar sind, beziehen.“
Der primäre Sinneseindruck entsteht, wenn ein Sinn (z.B.Auge) und das Sinnesobjekt (Form – rupa) aufeinandertreffen.
Es entsteht Bewusstsein (Sehbewusstsein – viññana).
Die drei zusammen ergeben Kontakt.
Kontakt ergibt Gefühl (vedana):
Was man fühlt, kommt zur Wahrnehmung (saññā).
Was man wahrnimmt, darüber denkt man nach (sankhara).
Wir haben es hier eindeutig mit rupa, vedana, sañña, sankhara und viññana zu tun. Wir befinden uns offensichlich im Bereich der fünf Khandhas.
Was sagt der Buddha über die 5 Khandas?
MN 22, Auszug aus dem Gleichnis von der Schlange
41. „Ihr Bhikkhus, was meint ihr? Wenn die Leute das Gras, die Stöcke, Äste und Blätter in diesem Jeta-Hain forttragen oder sie verbrennen oder mit ihnen nach Belieben verfahren würden, würdet ihr denken: ‚Die Leute tragen uns fort oder verbrennen uns oder verfahren mit uns nach Belieben?’“
„Nein, ehrwürdiger Herr.
Warum nicht?
Weil, ehrwürdiger Herr, jenes weder unser Selbst ist, noch unserem Selbst gehört.“ – „Genauso, ihr Bhikkhus, was immer nicht euer ist, gebt es auf; wenn ihr es aufgegeben habt, wird das lange zu eurem Wohlergehen und Glück beitragen.
Was ist es, was nicht euer ist?
Form ist nicht euer. Gebt sie auf. Wenn ihr sie aufgegeben habt, wird das lange zu eurem Wohlergehen und Glück beitragen.
Gefühl ist nicht euer. Gebt es auf. Wenn ihr es aufgegeben habt, wird das lange zu eurem Wohlergehen und Glück beitragen.
Wahrnehmung ist nicht euer. Gebt sie auf. Wenn ihr sie aufgegeben habt, wird das lange zu eurem Wohlergehen und Glück beitragen.
Gestaltungen sind nicht euer. Gebt sie auf. Wenn ihr sie aufgegeben habt, wird das lange zu eurem Wohlergehen und Glück beitragen.
Bewußtsein ist nicht euer. Gebt es auf. Wenn ihr es aufgegeben habt, wird das lange zu eurem Wohlergehen und Glück beitragen.“
Der Buddha weist uns also an, dass die fünf Khandhas aufgegeben werden müssen, um sich vom Leid zu befreien.
Spätestens seit der Besprechung der Anenjasappayasutta wissen wir nun ja, dass wir die Sinne loslassen müssen, um Nibbana erlangen zu können.
Wir wissen auch, dass Wahrnehmungen losgelassen werden müssen, um Nibbana zu erlangen.
Aus dem schönen Gedicht über Nibbana wissen wir, dass es in Nibbana keine Reaktionen mehr gibt:
Udana 8.4:
Für Abhängiges gibt es Regung.
Für Unabhängiges gibt es nicht Regung.
Ist keine Regung, so ist Ruhe.
Ist Ruhe, so ist keine Reizung.
Ist keine Reizung, so ist kein Kommen und Gehen.
Ist kein Kommen und Gehen,
so gibt es kein Schwinden und Wiedererscheinen.
Ist kein Schwinden und Wiedererscheinen,
so gibt es kein ‚Diesseits‘, kein ‚Jenseits‘
und kein ‚Dazwischen.‘
Das ist wahrlich das Ende des Leidens.“
Wenn Bewusstsein also die Summe von Sinneskontakten, deren Wahrnehmung und unserer emotionalen und mentalen Reaktionen ist, so gibt es in Nibbana definitiv kein Bewusstsein.
Ich denke es ist klar, dass es in Nibbana auch kein phänomenales (reaktives) Bewusstsein oder gedankliches Bewusstsein geben kann. Auch kein Zugriffsbewusstsein, das Kontrolle und Entscheidungsfindung beinhaltet. Auch ein Bewusstsein über sich selbst bzw. als Individuum ist ausgeschlossen, da wir ja eben diese Idee eines Selbst, einer Persönlichkeit überwinden müssen.
Also gibt es kein Bewusstsein in Nibbana? Wie kann dann Nibbana überhaupt erfahren werden?
In MN 1. zählt das Buddha alles auf, was überhaupt erfahrbar ist. Hier nur ein Auszug :
Ihr Bhikkhus, ein nicht unterrichteter Weltling nimmt das Gesehene als das Gesehene wahr. Nachdem er das Gesehene als das Gesehene wahrgenommen hat, stellt er sich das Gesehene vor, er macht sich Vorstellungen im Gesehenen, er macht sich Vorstellungen vom Gesehenen ausgehend, er stellt sich vor ‚das Gesehene ist mein‘, er ergötzt sich am Gesehenen. Warum ist das so? Weil er es nicht vollständig durchschaut hat, sage ich.“
Er nimmt das Erfahrene (viññāta) als das Erfahrene (viññātata) wahr (sañjānāti: wahrnehmen, erkennen, begreifen, benennen, verwandt mit saññā). Nachdem er das Erfahrene als das Erfahrene wahrgenommen hat, stellt er sich das Erfahrene vor, er macht sich Vorstellungen im Erfahrenen, er macht sich Vorstellungen vom Erfahrenen ausgehend, er stellt sich vor ‚das Erfahrene ist mein‘, er ergötzt sich am Erfahrenen. Warum ist das so? Weil er es nicht vollständig durchschaut hat, sage ich.“
Er nimmt Nibbāna als Nibbāna wahr. Nachdem er Nibbāna als Nibbāna wahrgenommen hat, stellt er sich Nibbāna vor, er macht sich Vorstellungen in Nibbāna, er macht sich Vorstellungen von Nibbāna ausgehend, er stellt sich vor ‚Nibbāna ist mein‘, er ergötzt sich an Nibbāna. Warum ist das so? Weil er es nicht vollständig durchschaut hat, sage ich.“
Hier erklärt der Buddha, wie der Weltling alles erfahrene nicht einfach nur erlebt, sondern sich die verschiedensten Vorstellungen darüber macht und an diesen Vorstellungen haftet. Sogar über Nibbana. Wir versuchen ja auch gerade, uns eine Vorstellung von Nibbana zu machen.
Ihr Bhikkhus, ein Bhikkhu in höherer Schulung, dessen Geist das Ziel noch nicht erreicht hat, und der noch auf die höchste Sicherheit vor dem Gefesseltsein zustrebt, erkennt (abhijānāti: kennen, erkennen, kennenlernen. abhi= Verstärkung, über … hin), das Erfahrene unmittelbar als das Erfahrene. Nachdem er das Erfahrene unmittelbar als das Erfahrene erkannt hat, sollte er sich nicht das Erfahrene vorstellen, er sollte sich nicht Vorstellungen im Erfahrenen machen, er sollte sich nicht Vorstellungen vom Erfahrenen ausgehend machen, er sollte sich nicht vorstellen ‚das Erfahrene ist mein‘, er sollte sich nicht am Erfahrenen ergötzen. Warum ist das so? Damit er es vollständig durchschauen möge, sage ich.“
Er erkennt Nibbāna unmittelbar als Nibbāna. Nachdem er Nibbāna unmittelbar als Nibbāna erkannt hat, sollte er sich nicht Nibbāna vorstellen, er sollte sich nicht Vorstellungen in Nibbāna machen, er sollte sich nicht Vorstellungen von Nibbāna ausgehend machen, er sollte sich nicht vorstellen ‚Nibbāna ist mein‘, er sollte sich nicht an Nibbāna ergötzen. Warum ist das so? Damit er es vollständig durchschauen möge, sage ich.“
Der Buddha spricht hier nicht von wahrnehmen, also sich Vorstellungen über etwas machen, sondern von unmittelbarem Erkennen, jenseits von Wahrnehmung, also bildlicher Vorstellung. Das passiert nicht einfach so, sondern der Praktizierende muss sich darum bemühen, sich keine Vorstellungen zu machen.
Der Arahat muss sich nicht mehr bemühen. Er hat die „Dinge“ durchschaut. Da das Herz von den Trieben befreit ist, Gier, Hass und Verblendung überwunden hat, erkennt er die Dinge wie sie sind:
Ihr Bhikkhus, ein Bhikkhu, der ein Arahant ist, mit vernichteten Trieben, der das heilige Leben gelebt hat, getan hat, was getan werden mußte, die Bürde abgelegt hat, das wahre Ziel erreicht hat, die Fesseln des Daseins zerstört hat und durch letztendliche Erkenntnis vollständig befreit ist, erkennt Nibbāna unmittelbar als Nibbāna. Nachdem er Nibbāna unmittelbar als Nibbāna erkannt hat, stellt er sich nicht Nibbāna vor, er macht sich nicht Vorstellungen in Nibbāna, er macht sich nicht Vorstellungen von Nibbāna ausgehend, er stellt sich nicht vor ‚Nibbāna ist mein‘, er ergötzt sich nicht an Nibbāna. Warum ist das so? Weil er es vollständig durchschaut hat, sage ich.“
Er erkennt Nibbāna unmittelbar als Nibbāna. Nachdem er Nibbāna unmittelbar als Nibbāna erkannt hat, stellt er sich nicht Nibbāna vor, er macht sich nicht Vorstellungen in Nibbāna, er macht sich nicht Vorstellungen von Nibbāna ausgehend, er stellt sich nicht vor ‚Nibbāna ist mein‘, er ergötzt sich nicht an Nibbāna. Warum ist das so? Weil er frei von Begierde ist, durch die Vernichtung der Begierde.“
Er erkennt Nibbāna unmittelbar als Nibbāna. Nachdem er Nibbāna unmittelbar als Nibbāna erkannt hat, stellt er sich nicht Nibbāna vor, er macht sich nicht Vorstellungen in Nibbāna, er macht sich nicht Vorstellungen von Nibbāna ausgehend, er stellt sich nicht vor ‚Nibbāna ist mein‘, er ergötzt sich nicht an Nibbāna. Warum ist das so? Weil er frei von Haß ist, durch die Vernichtung des Hasses.“
Er erkennt Nibbāna unmittelbar als Nibbāna. Nachdem er Nibbāna unmittelbar als Nibbāna erkannt hat, stellt er sich nicht Nibbāna vor, er macht sich nicht Vorstellungen in Nibbāna, er macht sich nicht Vorstellungen von Nibbāna ausgehend, er stellt sich nicht vor ‚Nibbāna ist mein‘, er ergötzt sich nicht an Nibbāna. Warum ist das so? Weil er frei von Verblendung ist, durch die Vernichtung der Verblendung.“
Da viññana zu den erfahrbaren Dingen gehört, was erkennt denn Nibbana, wenn es nicht viññana ist?
In der Anattalakkhanasutra heisst es (zusammengefasst):
Was meint ihr Bhikkus, sind Form, Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein beständig oder unbeständig?
Unbeständig, ehrwürdiger Herr.
Was aber unbeständig ist, ist das leidhaft oder angenehm?
Leidhaft, ehrwürdiger Herr.
Was aber unbeständig, leidhaft und der Veränderung unterworfen ist, ist das geeignet, als Ich, als mein, als mein Selbst betrachtet zu werden?
Bestimmt nicht, ehrwürdiger Herr.
Daher ihr Bhikkhus, welche Form auch immer, welche Wahrnehmung, welches Gefühl, welche Gestaltung und welches Bewusstsein auch immer, gilt:
Dies ist nicht mein, dies bin ich nicht, dies ist nicht mein Selbst. So sollte das wirklichkeitsgemäss mit richtiger Weisheit gesehen werden.
So sehend, wird ein edler Schüler in Bezug auf die fünf Khandhas ernüchtert. Ernüchternd werdend, wird er entreizt (viraga, leidenschaftslos). Durch Entreizung wird er befreit.
Nach dem Hören dieser Lehrrede wurde das Herz der Bhikkhus von den Trieben befreit.
Ein von den Trieben befreites Herz ist ein Synonym für Erleuchtung, für Nibbana.
Das Herz erfährt also nibbana.
Es ist nicht das Bewusstsein, das erlebt, sondern das Herz, das erkennt.
Aber erkennen ohne Bewusstsein? Wie soll das gehen?
Herz heisst in Pali citta. Citta wird manchmal auch mit Bewusstsein übersetzt:
AN 4.186
Einst begab sich ein gewisser Mönch dorthin, wo der Erhabene weilte. Dort angelangt, begrüßte er den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also:
»Von wem, o Herr, wird die Welt gelenkt,
wodurch wird sie hin und her gezerrt,
wessen Macht ist die Welt unterworfen?« –
»Recht so, Mönch! Recht so! Edel ist dein Tiefsinn, gut dein Scharfblick, trefflich deine Frage. Du fragst also, o Mönch: ‚Von wem, o Herr, wird die Welt gelenkt, wodurch wird sie hin und her gezerrt, wessen Macht ist die Welt unterworfen?’«
»Ja, o Herr!« –
»Vom Bewußtsein (citta), o Mönch, wird die Welt gelenkt,
vom Bewußtsein (citta) wird sie hin und her gezerrt,
der Macht des Bewußtseins (citta) ist die Welt unterworfen.« –
»Vortrefflich, o Herr!« sagte da jener Mönch, durch des Erhabenen Worte erfreut und befriedigt.
Hier ist nicht von viññana die Rede, sondern von citta. Es ist citta, nicht viññana, das die Welt lenkt und hin und her zerrt, weil es von Gier, Hass und Verblendung befallen ist. Ist es von Gier, Hass und Verblendung befreit, erlebt es Nibbana.
Was ist der Unterschied zwischen viññanam das Nibbana definitiv nicht erfährt und citta, das Nibbana erkennt?
Wikipedia führt auch Bewusstsein als „belebt-sein“, „beseelt-sein“ auf:
Ist belebt-sein das Gegenstück zu nicht-belebt-sein, also tot?
Dann ist belebt-sein das gleiche wie geboren-sein. Da Nibbana das Ungeborene ist, kann es nicht von einem geborenen Bewusstsein erlebt werden.
Oder ist damit gemeint, dass es das ist, was den Unterschied zwischen belebt und unbelebt ausmacht? Sozusagen das Leben an und für sich? Wenn unbelebte Materie (Samen und Ei) und Bewusstsein zusammenkommen, entsteht ein Lebewesen. (Das Tibetische Totenbuch, wenn ich mich nicht irre). Nach dem Tode, nach der Auflösung, geht das (weiterführende) Bewusstsein zum nächsten Daseinsbereich weiter (Anenjasappayasutta).
Allerdings ist auch dieses weiterführende Bewusstsein viññāna und nicht citta. Viññana führt immer nur zu neuer Geburt. Wo es kein viññana gibt, gibt es keine Geburt. Wo keine Geburt ist, ist auch kein Tod, kein Altern, kein Kummer, Klagen, Schmerz oder Verzwriflung.
Ein Bewusstsein, das nicht anhaftet, geht zu keinem Daseinsbereich weiter, sondern erlangt Nibbana. Wobei der Buddha das nicht so ausdrückt. Er sagt, ein Bhikkhu, dessen Bewusstsein nicht von Anhaftung betroffen ist, erlangt Nibbana. Er spricht auch hier nicht von citta, sondern von viññana, das mit Bewusstsein übersetzt wird. Erlangt der Bhikkhu Nibbana oder erlangt das Bewusstsein Nibbana? Oder ist das ein und dasselbe?
Oder erlangt ein citta, dessen viññana nicht anhaftet, Nibbana?
Was sagt der Buddha denn noch so über citta?
A.1.3. Der ungefüge Geist (III,1-10)
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, unentfaltet, so ungefügig ist wie der Geist. Ungefügig, ihr Mönche, ist der unentfaltete Geist.
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, entfaltet, so gefügig ist wie der Geist.
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, unentfaltet, zu so großem Unsegen führt wie der Geist. Zu großem Unsegen, ihr Mönche, führt der unentfaltete Geist.
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, entfaltet, zu so großem Segen führt wie der Geist. Zu großem Segen, ihr Mönche, führt der entfaltete Geist. Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, unentfaltet, unaufgeschlossen und vernachlässigt, zu so großen Unsegen führt wie der Geist. Zu großem Unsegen, ihr Mönche, führt der unentfaltete, unaufgeschlossene und vernachlässigte Geist.
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, entfaltet, aufgeschlossen und nicht vernachlässigt, zu so großem Segen führt wie der Geist. Zu großem Segen, ihr Mönche, führt der entfaltete, aufgeschlossene und nicht vernachlässigte Geist.
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, unentfaltet und vernachlässigt, zu so großem Unglück führt wie der Geist. Zu großem Unglück, ihr Mönche, führt der unentfaltete und vernachlässigte Geist.
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das, entfaltet und nicht vernachlässigt, zu so großem Glücke führt wie der Geist. Zu großem Glücke, ihr Mönche, führt der entfaltete und nicht vernachlässigte Geist.
Wenn wir also in der Meditation unseren Geist zähmen und entfalten, so entfalten wir citta, nicht viññana. Voll entfaltet, führt er zu Nibbana. Erfährt also citta nibbana?
A.1.9. Der schnelle Wechsel des Bewusstseins (V,8)
Kein anderes Ding kenne ich, ihr Mönche, das so schnell wechselt wie das Bewusstsein; und schwerlich mag man ein Gleichnis finden für diesen so schnellen Wechsel des Bewusstseins.
Auch hier ist im Palitext von citta die Rede, nicht von viññana. Wenn citta aber veränderlich ist, und es scheint ja das sich am schnellsten verändernde Ding überhaupt zu sein, so unterliegt es anicca, einem Daseinsmerkmal. Was aber entstanden ist, sich verändert und wieder vergeht, kann nicht nibbana sein, da nibbana ja das Unentstandene ist.
Da wäre es interessant zu wissen, was denn die Bedingungen für das Entstehen von citta sind. Darüber habe ich nichts gefunden. Über das Entstehen von viññana, ja. Das wird in der bedingten Entstehung erklärt.
Aber die liebe Samaneri Sivali hat die Stelle in den Lehrreden gefunden, wo die bedingte Entstehung (und das zwangsläufige Vergehen) von Citta erläutert wird:
Samyutta Nikaya 47.42: Samudayasutta
„Mönche und Nonnen, ich werde euch den Ursprung und das Vergehen der vier Arten der Achtsamkeitsmeditation lehren. Hört zu …
Und was ist der Ursprung des Körpers?
Der Körper entsteht aus Nahrung. Wenn Nahrung aufhört, vergeht der Körper.
Gefühle entstehen aus Kontakt. Wenn Kontakt aufhört, vergehen Gefühle.
Der Geist (citta) entsteht aus Namen und Form. Wenn Name und Form aufhören, vergeht der Geist.
Natürliche Gesetzmäßigkeiten (dhamma) entstehen aus dem Gebrauch des Geistes. Wenn der Gebrauch des Geistes aufhört, vergehen die natürlichen Gesetzmäßigkeiten.“
Name und Form kommt in der Bedingten Entstehungskette vor:
Bedingtes Zusammenentstehen (Majjhima Nikāya 38 u.a.)
Bedingt durch Unwissenheit sind Gestaltungen,
bedingt durch Gestaltungen ist Bewusstsein,
bedingt durch Bewusstsein ist Name & Form,
Hier ist also Citta anzusiedeln: Bedingt durch Name&Form ist Citta
bedingt durch Name&Form ist das sechsfache Gebiet,
bedingt durch das sechsfache Gebiet ist Kontakt,
bedingt durch Kontakt ist Gefühl,
bedingt durch Gefühl ist Begehren,
bedingt durch Begehren ist Ergreifen,
bedingt durch Ergreifen ist Werden,
bedingt durch Werden ist Geburt,
bedingt durch Geburt entstehen Altern, Tod, Kummer, Klagen, Schmerz,
Trauer und Verzweiflung.
So ist der Ursprung dieser ganzen Leidensmasse.
Mit der restlosen leidenschaftsfreien Auflösung eben dieser Unwissenheit ist
die Auflösung von Gestaltungen,
mit der Auflösung von Gestaltungen ist die Auflösung von Bewusstsein,
mit der Auflösung von Bewusstsein ist die Auflösung von Name&Form,
Demzufolge:
mit der Auflösung von Name&Form ist die Auflösung von Citta
mit der Auflösung von Name&Form ist die Auflösung des sechsfachen
Gebiets,
mit der Auflösung des sechsfachen Gebiets ist die Auflösung von Kontakt,
mit der Auflösung von Kontakt ist die Auflösung von Gefühl,
mit der Auflösung von Gefühl ist die Auflösung von Begehren,
mit der Auflösung von Begehren ist die Auflösung von Ergreifen,
mit der Auflösung von Ergreifen ist die Auflösung von Werden,
mit der Auflösung von Werden ist die Auflösung von Geburt
mit der Auflösung von Geburt lösen sich Altern, Tod, Kummer, Klagen,
Schmerz, Trauer und Verzweiflung auf.
So ist die Auflösung dieser ganzen Leidensmasse.
Demzufolge kann es in Nibbana kein Bewusstsein geben. Weder viññāna noch citta.

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