Angst – Vortrag vom

Ängste verfolgen die Menschen seit je her. Und seit je her suchen die Menschen nach Möglichkeiten, ihrer Herr zu werden, versuchen sich vor dem zu schützen, wovor sie sich fürchten. Die Strategien zur Angstbewältigung unterscheiden sich nach Kultur und Zeitalter.

So heisst es Dhammapada, Vers 188:

Viele, ach, suchen als Zuflucht
Heilige Berge und Haine,
Tempel, Bäume, Pagoden gar:
Furchtbefangene Menschenschar.

Heute suchen die meisten Menschen nicht mehr unbedingt bei heiligen Bergen, Hainen und Bäumen Schutz vor dem, wovor sie sich bedroht fühlen. Je nach Kultur übernehmen Gotteshäuser nach wie vor diese Funktion. Viel häufiger suchen wir heutzutage aber eher im Materiellen Zuflucht. In Geld, in Besitz, in sozialer Anerkennung.
Geld gibt uns das trügerische Gefühl, unsere Wünsche und Bedürfnisse jederzeit decken zu können. Dabei ist Geld nur eine Fantasie. Wenn der Bäcker plötzlich beschliesst, dass er unser Geld nicht  mehr will und stattdessen nur noch Thunfisch in Zahlung nehmen will, haben wir ein Problem. Wo sollen wir im Allgäu Thunfische jagen??
In der Weltwirtschaftskrise der 30erJahre des letzten Jahrhunderts war die Inflation so horrend, dass ein Brot tausende Reichsmark kostete. Die Sicherheit, die uns Geld vorgaukelt, kann sich in  kürzester Zeit in nichts auflösen.
Auch materieller Besitz kann in null Komma nichts verschwinden und sich in Rauch auflösen, wenn die entsprechenden Bedingungen vorhanden sind.
Auch die Anerkennung und Sicherheit, die uns unser soziales Netz bietet, ist nicht vor Erschütterungen und Rissen gefeit. Freunde wenden sich plötzlich ab oder werden gar zu Gegnern. Wenn die Bedingungen stimmen, können sich alle unsere Sicherheiten von einem Moment zum anderen in Luft auflösen und lassen uns hilflos und verängstigt zurück.

Wenn wir unser Verhalten etwas beobachten, fällt und schnell auf, wie viel Energie wir darauf verwenden um dieses Szenario zu verhindern. Alle unsere beruflichen und privaten Interaktionen haben das Ziel, für Wohlbefinden zu sorgen und alles Unangenehme von uns fernzuhalten.
Ein Ziel, von dem wir eigentlich genau wissen, dass es zum Scheitern verurteilt ist.
Trotzdem können wir nicht aufhören, es zu verfolgen.

Was können wir also tun? Wie können wir unsere vielfältigen Ängste überwinden?
Welche Anweisungen hinterliess uns der Buddha?

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich hier nicht von psychischen Störungen oder gar pathologischen Zuständen spreche. Ernsthafte psychische Angststörungen etc. gehören in die Hände von erfahrenen Fachleuten wie Psychologen oder Psychiatern, und ich bin keines von beiden. Ich spreche hier von den Ängsten, mit denen wir uns täglich herumschlagen und nicht von krankhaften Angstzuständen. Inwieweit Buddhas Anweisungen für solche Menschen hilfreich sein können, kann ich nicht entscheiden.

Wenn es um das Thema Angst geht, kommt mir immer gleich die 4. Lehrrede der Mittleren Sammlung in den Sinn: Furcht und Schrecken.

MajjhimaNikāya 4

Furcht und Schrecken – BhayabheravaSutta

1. So habe ich gehört. Einmal hielt sich der Erhabene bei Sāvatthī im JetaHain, dem Park des Anāthapiṇḍika auf.

2. Da ging der BrahmaneJāṇussoṇi zum Erhabenen und tauschte Grußformeln mit ihm aus. Nach diesen höflichen und freundlichen Worten setzte er sich seitlich nieder und sagte: „Meister Gotama, wenn Männer aus guter Familie aufgrund ihres Vertrauens in Meister Gotama von zu Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen, haben sie dann Meister Gotama als ihr Oberhaupt, ihren Helfer und ihren Führer? Und folgen diese Leute dem Beispiel von Meister Gotama?“

„So ist es, Brahmane, so ist es. Wenn Männer aus guter Familie aufgrund ihres Vertrauens in mich von zu Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen, haben sie mich als ihr Oberhaupt, ihren Helfer und ihren Führer. Und diese Leute folgen meinem Beispiel.“

„Aber, Meister Gotama, entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald sind schwer auszuhalten, Abgeschiedenheit ist schwierig zu praktizieren, und es ist schwer, sich an der Einsamkeit zu erfreuen. Man möchte meinen, der Dschungel müßte einem Bhikkhu den Verstand rauben, wenn er keine Konzentration hat.“

„So ist es, Brahmane, so ist es. Entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald sind schwer auszuhalten, Abgeschiedenheit ist schwierig zu praktizieren, und es ist schwer, sich an der Einsamkeit zu erfreuen. Man möchte meinen, der Dschungel müßte einem Bhikkhu den Verstand rauben, wenn er keine Konzentration hat.“

3. „Vor meiner Erleuchtung, als ich noch lediglich ein unerleuchteterBodhisatta war, erwog auch ich so: ‚Entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald sind schwer auszuhalten, Abgeschiedenheit ist schwierig zu praktizieren, und es ist schwer, sich an der Einsamkeit zu erfreuen. Man möchte meinen, der Dschungel müßte einem Bhikkhu den Verstand rauben, wenn er keine Konzentration hat.’“


Furchtfreieiheit und durch einwandfreies ethisches Verhalten

4. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen sich ungeläutert im körperlichen Verhalten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit ihres ungeläuterten körperlichen Verhaltens unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht ungeläutert im körperlichen Verhalten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin geläutert im körperlichen Verhalten. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen mit geläutertem körperlichen Verhalten.‘ Weil ich in mir diese Läuterung des körperlichen Verhaltens erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

5. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen sich ungeläutert im sprachlichen Verhalten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit ihres ungeläuterten sprachlichen Verhaltens unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht ungeläutert im sprachlichen Verhalten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin geläutert im sprachlichen Verhalten. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen mit geläutertem sprachlichen Verhalten.‘ Weil ich in mir diese Läuterung des sprachlichen Verhaltens erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

6. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen sich ungeläutert im geistigen Verhalten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit ihres ungeläuterten geistigen Verhaltens unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht ungeläutert im geistigen Verhalten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin geläutert im geistigen Verhalten. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen mit geläutertem geistigen Verhalten.‘ Weil ich in mir diese Läuterung des geistigen Verhaltens erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

7. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen sich ungeläutert in der Lebensweise an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit ihrer ungeläuterten Lebensweise unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht ungeläutert in der Lebensweise an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin geläutert in der Lebensweise. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen mit geläuterter Lebensweise.‘ Weil ich in mir diese Läuterung der Lebensweise erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

Hier empfiehlt der Buddha, dass wir uns um tugendhaftes Verhalten bemühen und die daraus resultierenden Konsequenzen vor Augen führen sollten.

Wir sind Eigner unserer Taten, Erben unserer Taten, entsprungen unserer Taten, verbunden mit unseren Taten, auf unsere Taten, müssen wir uns verlassen. Welche Tat wir auch begehen, im guten wie im bösen, deren Erbe werden wir sein.

Alles, was von uns ausgeht, kommt auf uns zurück. Alles Unheilsame, das uns wiederfährt, ist unser eigenes Erbe unheilsamer Handlungen. Daran kann kein Geld, kein Besitz, kein Vitamin B etwas ändern. Die Frage ist nicht, ob wir die Konsequenzen unheilsamer Handlungen tragen müssen, sondern wann.

Das Einzige, was nützt, sind heilsame Handlungen. Wenn wir uns nach besten Kräften bemühen, keinem Lebewesen etwas zu rauben, weder dessen Beziehungen, Geistesfrieden, Besitz oder gar das Leben, dann brauchen wir uns vor Verlust nicht zu fürchten. Es liegt in unserer Hand, die entsprechenden Bedingungen durch unser körperliches, sprachliches und geistiges Handeln zu gestalten. Nicht, indem wir unsere Umwelt zu manipulieren versuchen. Sondern indem wir ein Vermögen an heilsamen Taten anhäufen, das wir dereinst erben werden. Auch hier ist lediglich die Frage wann, und nicht ob.

Indem wir uns unser Bemühen um einwandfreies Verhalten und dessen unvermeidliche Früchte in Erinnerung rufen, können wir bereits sehr viele Ängste entkräften.

Aber ethisches Verhalten reicht nicht aus, um uns vor sämtlichen Ängsten zu bewahren.

Solange die Wurzeln von unethischem Verhalten vorhanden sind, sind auch die Wurzeln unserer Ängste vorhanden.

Überwinden unheilsamer Tendenzen

8. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die habgierig und voller Begierde sind, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie habgierig und voller Begierde sind, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht habgierig und voller Begierde an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin frei von Habgier. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die frei von Habgier sind.‘ Weil ich in mir diese Freiheit von Habgier erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

9. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen sich mit einem Geist voller Übelwollen und haßerfüllter Absichten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit ihres Geistes voller Übelwollen und haßerfüllter Absichten unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht mit einem Geist voller Übelwollen und haßerfüllter Absichten an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich habe einen Geist voll Liebender Güte. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen mit einem Geist voll Liebender Güte.‘ Weil ich in mir diesen Geist voll Liebender Güte erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

13. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die zum Eigenlob und zur Herabwürdigung anderer veranlagt sind, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie zum Eigenlob und zur Herabwürdigung anderer veranlagt sind, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht zum Eigenlob und zur Herabwürdigung anderer veranlagt an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin nicht zum Eigenlob und zur Herabwürdigung anderer veranlagt. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die nicht zum Eigenlob und zur Herabwürdigung anderer veranlagt sind.‘ Weil ich in mir diese Nicht-Veranlagung zum Eigenlob und zur Herabwürdigung anderer erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

15. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die nach Gewinn, Ehre und Ruhm trachten, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie nach Gewinn, Ehre und Ruhm trachten, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht nach Gewinn, Ehre und Ruhm trachtend an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich habe wenig Wünsche. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die wenig Wünsche haben.‘ Weil ich in mir diese geringe Zahl der Wünsche erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

Unethischem Verhalten liegen unheilsame Neigungen und Tendenzen zugrunde. Wenn wir uns zwar einwandfrei verhalten, das Herz aber trotzdem von Gier, Hass und Stolz erfüllt ist, so verursachen diese Neigungen weiter Ängste. Da wir, auch unbewusst, von uns auf andere schliessen, leben wir mit der ständigen Furcht, dass es andere im Verborgenen nicht gut mit uns meinen.

Indem wir diese unheilsamen Neigungen in uns erkennen und ihnen nicht nachgeben, sondern sie überwinden und sich auflösen lassen, löst sich auch die unterschwellige Furcht auf, die sie begleitet.

Erarbeiten heilsamer Fähigkeiten

16. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die faul sind und es an Energie mangeln lassen, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie faul sind und es an Energie mangeln lassen, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht faul und mit mangelnder Energie an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin voll Energie. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die voll Energie sind.‘ Weil ich in mir diese Energiefülle erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

17. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die unachtsam und nicht wissensklar sind, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie unachtsam und nicht wissensklar sind, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht ohne achtsam und wissensklar zu sein an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin in der Achtsamkeit verankert. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die in der Achtsamkeit verankert sind.‘ Weil ich in mir diese Verankerung in der Achtsamkeit erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

18. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die unkonzentriert, mit abschweifendem Geist sind, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie unkonzentriert, mit abschweifendem Geist sind, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht unkonzentriert, mit abschweifendem Geist an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin von Konzentration erfüllt. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die von Konzentration erfüllt sind.‘ Weil ich in mir dieses Erfülltsein von Konzentration erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

19. „Ich erwog so: ‚Wann immer Mönche oder Brahmanen, die ohne Weisheit sind, die Schwätzer sind, sich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurückziehen, dann rufen diese guten Mönche und Brahmanen aufgrund der Unzulänglichkeit, die daher kommt, daß sie ohne Weisheit sind, Schwätzer sind, unheilsame Furcht und Schrecken hervor. Aber ich ziehe mich nicht ohne Weisheit, als Schwätzer an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück. Ich bin von Weisheit erfüllt. Ich ziehe mich an entlegene Lagerstätten im Dschungeldickicht im Wald zurück als einer der Edlen, die von Weisheit erfüllt sind.‘ Weil ich in mir dieses Erfülltsein von Weisheit erkannte, fand ich große Erleichterung darin, im Wald zu wohnen.“

Es reicht jedoch nicht, uns lediglich von unheilsamen Handlungen und ihren Zugrunde liegenden Neigungen zu befreien. Wenn wir uns lediglich auf unsere Tugend berufen, bleibt die nagende Angst, ob wir denn wirklich ausreichend tugendhaft waren. Wenn wir Achtsamkeit und Konzentration aktiv entwickeln, so dass Weisheit entstehen kann, brauchen wir uns nicht davor zu fürchten, durch Zerstreutheit oder Abwesenheit unheilsam gehandelt zu haben, ohne es überhaupt mitzukriegen.

Ängste aktiv überwinden

20. „Ich erwog: ‚Es gibt diese besonders glücksverheißenden Nächte am vierzehnten, am fünfzehnten und am achten des Halbmonats. Wie wäre es, wenn ich mich in solchen Nächten an so ehrfurchtseinflößenden, schreckenerregenden Plätzen, wie Obstgartenschreinen, Waldschreinen und Baumschreinen aufhielte? Vielleicht könnte ich jener Furcht und jenem Schrecken begegnen.‘ Und später hielt ich mich in solchen Nächten an so ehrfurchtseinflößenden, schreckenerregenden Plätzen, wie Obstgarten-Schreinen, Waldschreinen und Baumschreinen auf. Und während ich mich dort aufhielt, kam gelegentlich ein wildes Tier in meine Nähe, oder ein Pfau schlug einen Ast ab, oder der Wind raschelte in den Blättern. Ich dachte: ‚Was nun, wenn jetzt Furcht und Schrecken kommen?‘ Ich dachte: ‚Warum weile ich immer in Erwartung von Furcht und Schrecken? Wie wäre es, wenn ich jene Furcht und jenen Schrecken unterwürfe, während ich die Stellung beibehalte, in der ich mich befinde, wenn sie über mich kommen?’“

„Während ich auf und ab ging, kam Furcht und Schrecken über mich; weder blieb ich stehen, noch setzte ich mich, noch legte ich mich hin, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte.

Während ich stand, kam Furcht und Schrecken über mich; weder ging ich auf und ab, noch setzte ich mich, noch legte ich mich hin, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte.

Während ich saß, kam Furcht und Schrecken über mich; weder ging ich auf und ab, noch stand ich auf, noch legte ich mich hin, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte.

Während ich lag, kam Furcht und Schrecken über mich; weder ging ich auf und ab, noch stand ich auf, noch setzte ich mich, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte.“

Hier erklärt der Buddha, dass wir uns aktiv unseren vorhandenen Ängsten stellen können und auch sollen. Wir sollen uns nicht mutwillig in Gefahr begeben, dass wäre ziemlich dumm. Aber wir sollen Situationen, die Angst in uns auslösen, auch nicht meiden, sondern uns ihnen aktiv stellen. Wir stellen uns unseren Ängsten, indem wir ihnen direkt ins Auge sehen – und ihnen nicht erlauben, unser Handeln zu bestimmen. Ängste werden überwunden, indem wir trotz unserer Ängste tun, was klug ist, was weise ist, was heilsam ist, und uns unser Verhalten nicht von ihnen diktieren lassen.

Achtsamkeitspraxis

Die Satipathanasutta lehrt uns in der dritten Grundlage der Achtsamkeit, wie das geht.

Die dritte Grundlage ist citta, was manchmal mit Geist, manchmal mit Herz übersetzt wird.

„Und wie, ihr Bhikkhus, verweilt ein Bhikkhu, indem er Geist als Geist betrachtet?

Da versteht ein Bhikkhu einen Geist, der von Begierde beeinträchtigt ist, als von Begierde beeinträchtigt, und einen Geist, der nicht von Begierde beeinträchtigt ist, als nicht von Begierde beeinträchtigt.

Er versteht einen Geist, der von Haß beeinträchtigt ist, als von Haß beeinträchtigt, und einen Geist, der nicht von Haß beeinträchtigt ist, als nicht von Haß beeinträchtigt.

Er versteht einen Geist, der von Verblendung beeinträchtigt ist, als von Verblendung beeinträchtigt, und einen Geist, der nicht von Verblendung beeinträchtigt ist, als nicht von Verblendung beeinträchtigt.

Er versteht einen zusammengezogenen Geist als zusammengezogen, und einen abgelenkten Geist als abgelenkt. Er versteht einen erhabenen Geist als erhaben, und einen nicht erhabenen Geist als nicht erhaben. Er versteht einen übertrefflichen Geist als übertrefflich, und einen unübertrefflichen Geist als unübertrefflich. Er versteht einen konzentrierten Geist als konzentriert, und einen unkonzentrierten Geist als unkonzentriert. Er versteht einen befreiten Geist als befreit, und einen unbefreiten Geist als unbefreit.“

Hier wird zwar Angst nicht namentlich erwähnt. Doch ist Angst ebenfalls ein Herzenszustand, der das Herz beeinträchtigt. Wenn wir die Angst nicht als „unsere“ Angst betrachten, sondern einfach als einen Zustand, der kommt und geht, können wir uns von ihr lösen. Wir können ihre körperlichen und mentalen Auswirkungen betrachten und mit Weisheit entscheiden, ob und welche Reaktion in dieser Situation angebracht ist. Ohne uns unser Verhalten von der Angst diktieren zu lassen.

Das braucht Übung. Je grösser unsere Ängste sind, umso mehr Übung braucht es. Doch je öfter wir uns Zeit nehmen, die Vorgänge in uns zu betrachten und zu benennen, ohne sie auszuagieren, umso leichter fällt es uns.

Achtsamkeitspraxis im Alltag

Vorhin erwähnte der Buddha Achtsamkeit und Wissensklarheit, die entwickelt werden müssen. Je mehr wir das üben, umso leichter fällt es uns, uns von unseren Emotionen und Ängsten nicht überwältigen zu lassen. Zum Glück ist das etwas, das kann man wunderbar im Alltag trainieren kann. Sehr viele alltägliche Tätigkeiten erfordern keine grosse geistige Anstrengung. Wenn wir uns waschen, die Zähne putzen und uns ankleiden, brauchen wir nicht gross darüber nachzudenken. In der Regel nutzen wir die Zeit auch gerne, um über irgendetwas ganz anderes nachzudenken. Genau diese Zeit könnte man aber nutzen, um uns jeder Bewegung und jeder Reaktion bewusst zu sein.

In der Satipathanasutta heisst es:

8. „Wiederum, ihr Bhikkhus, ist ein Bhikkhu einer, der wissensklar handelt beim Hingehen und Zurückgehen; der wissensklar handelt beim Hinschauen und Wegschauen; der wissensklar handelt beim Beugen und Strecken der Glieder; der wissensklar handelt beim Tragen der Robe und beim Umhertragen der äußeren Robe und der Schale; der wissensklar handelt beim Essen, Trinken, Kauen und Schmecken; der wissensklar handelt beim Entleeren von Kot und Urin; der wissensklar handelt beim Gehen, Stehen, Sitzen, Einschlafen, Aufwachen, beim Reden und Schweigen.“

Auch die Mahlzeiten bieten eine wunderbare Gelegenheit, Wissensklarheit zu üben. Wenn wir in Schweigen essen, können wir unabgelenkt darauf achten, uns jeder Handlung, jedes Sinneskontaktes und jeder Reaktion darauf bewusst zu sein. Doch in der Regel ist es eher so, dass wir mehrere Handlungen gleichzeitig ausführen, wodurch wir das meiste verpassen. Während wir noch kauen, bereiten wir bereits den nächsten Bissen vor. Das Kauen ist uns nicht mehr wirklich bewusst, da wir uns schon mit dem nächsten Happen beschäftigen. Die Achtsamkeit ist vielleicht hoch genug, dass wir trotzdem schmecken, was wir essen. Aber wir bekommen nicht mit, wann das Schmecken genau beginnt, wann es am intensivsten ist und wie dieser Sinneskontakt wieder abklingt. Auch unsere Reaktionen auf die unterschiedlichen Stadien des Sinneskontakts sind uns nicht bewusst.

Wir merken zwar, dass wir während des Kauens uns schon mit dem nächsten Happen beschäftigen, aber das Beugen und Strecken und die dadurch ausgelösten körperlichen Empfindungen und mentalen Reaktionen sind uns nicht bewusst.

Gerade weil beim Essen sich viele kleine Handlungen abwechseln, wie das Auswählen und Aufnehmen des Happens, zum Munde führen, die Hand wieder zur Schale (oder dem Teller) führen, kauen, schmecken, hinunterschlucken, ist es eine wunderbare Übung, auch bei schnell wechselnden, routinierten Tätigkeiten nicht in den Automatismus zu fallen und die Achtsamkeit zu verlieren.

Das Benennen hilft uns dabei, nicht in Automatismen und Gewohnheiten zu verfallen. Wir können nicht benennen, dass wir kauen oder schlucken und gleichzeitig benennen, dass wir den Arm strecken, um uns den nächsten Bissen zu nehmen. Durch das Benennen merken wir, wenn wir automatische Handlungen vornehmen und können sie bewusst unterlassen, bis sie dran sind. Dadurch können wir alle Vorgänge in uns betrachten und uns aus ihrer Verwicklung befreien.

Es spielt keine Rolle, welche Vorgänge wir betrachten. Ob es Gier oder Ekel, Angst oder Ärger, Unzufriedenheit oder was auch immer ist, was unser Herz bewegt: der Mechanismus ist immer derselbe:

Erkennen und anerkennen, dass es da ist, indem man es benennt.

Dann kann man es auf der ersten Grundlage der Achtsamkeit untersuchen: wie und wo ist es im Körper empfindbar?

Es auf der zweiten Grundlage der Achtsamkeit untersuchen: von welchen angenehmen oder unangenehmen Gefühlstönungen wird es begleitet?

Es auf der dritten Grundlage der Achtsamkeit untersuchen: welchen Einfluss haben diese Gefühle auf meinen Geist/auf mein Herz?

Es auf der vierten Grundlage der Achtsamkeit untersuchen: welche mentalen Reaktionen löst es aus? Ist Achtsamkeit und Weisheit vorhanden oder werden wir von den Hindernissen beherrscht?

Je öfter wir das mit den ganz banalen, längst automatisierten Abläufen unseres täglichen Lebens üben, umso leichter fällt es uns, die Technik bei den nicht banalen, überwältigenden Situationen und Emotionen  anzuwenden.

Es ansehen, anerkennen, dass es da ist, und sich bewusst machen: ich bin das nicht und es gehört mir auch nicht. Und ich räum ihm auch keine Macht über mich ein.

Nicht „ich habe Angst“, sondern „da ist eine (Angst)Struktur“. Wenn wir nicht an ihr kleben und sie füttern, vergeht sie von selbst, wenn die Zeit reif ist.

Wir müssen uns von unseren Ängsten und Emotionen weder die Laune verderben noch den Tag vermiesen lassen.

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