Wenn wir nicht gerade als Einsiedler leben, was die wenigsten tun, kommen wir immer wieder mit den verschiedensten Leuten in Kontakt. Menschen, die uns sehr nahe stehen wie Partner, Kinder und Freunde. Menschen, die wir uns ausgesucht haben, die wir an unserem Leben teilhaben lassen möchten.
Es gibt in unserem Leben auch nahe Menschen, die wir uns nicht ausgesucht haben, wie Eltern, Geschwister und Verwandte, mit denen wir dennoch ein möglichst harmonisches Verhältnis pflegen möchten.
Es gibt auch Menschen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit denen wir aber trotzdem einen sehr grossen Teil unseres Lebens verbringen. Bei unserer Arbeit kommen wir meistens mit vielerlei unterschiedlichen Leuten in Kontakt. Leute, die uns vielleicht unsympathisch sind und die wir nicht leiden können.
Ausserdem gibt es eine grosse Anzahl von Personen, mit denen wir häufig in Kontakt sind, die wir aber eigentlich gar nicht kennen und uns auch gar nicht gross Gedanken über sie machen. Verkäufer, Busfahrer, Handwerker etc.einanders
Notwendigkeit eines liebevollen Miteinanders
Wenn wir uns das Ziel gesetzt haben, Frieden im Herzen zu kultivieren, müssen wir einen Weg finden, harmonisch mit diesen verschiedenen Menschen umzugehen. Wir können nicht im Herzen Frieden verwirklichen und gleichzeitig im Streit mit unserem Umfeld leben. Wir können auch nicht allen Menschen ausweichen, die uns nicht passen. Für unsere Entwicklung ist das, nebenbei bemerkt, auch gar nicht sinnvoll.
Im Kloster ist dieses Nicht-ausweichen-können noch viel intensiver. Wir leben auf engem Raum zusammen, verbringen viel Zeit miteinander und können einander fast nicht ausweichen.
Wenn wir „Glück“ haben, verstehen wir uns gut mit den anderen Nonnen und nerven uns nicht gegenseitig. Obwohl einen auch Leute, mit denen man sich gut versteht , ordentlich auf den Geist gehen können.
Wenn wir „Pech“ haben, leben wir mit Frauen zusammen, die uns diametral gegen den Strich gehen und ständig unsere Knöpfe drücken.
Glück und Pech sind allerdings sehr relative Begriffe. Tatsächlich ist es so, dass wenn wir mit für uns schwierigen Menschen zusammenleben, wir das Glück haben, an unseren Herzen und seinen Abneigungen und Ansichten arbeiten zu können.
Haben wir das Glück, es mit Menschen zu tun zu haben, mit denen wir auf der gleichen Wellenlänge sind, können wir Kraft und Unterstützung „tanken“.
Idealerweise gibt es in einer Gemeinschaft beides: Leute, die uns stärken und nähren und solche, die uns herausfordern und uns auf unsere wunden Punkte hinweisen.
Wie kann es uns gelingen, mit all den verschiedenen Menschen friedvoll umzugehen?
Immer, wenn von einem harmonischen Miteinander die Rede ist, kommt mir sofort diese wunderbare Lehrrede von den drei Mönchen in den Sinn, die wie Milch und Wasser zusammen leben uns sich gegenseitig mit gütigen Augen betrachten.
Ich rede von Anuruddha, Nandiya und Kimbila, die im Wald von Gosinga zusammenlebten und die mir ein grosses Vorbild sind.
MN 31: Die kürzere Lehrrede bei Gosiṅga – CūḷagosiṅgaSutta
1. So habe ich gehört. Einmal hielt sich der Erhabene bei Nādikā im Backsteinhaus auf.
2. Bei jener Gelegenheit hielten sich der ehrwürdige Anuruddha, der ehrwürdige Nandiya und der ehrwürdige Kimbila beim Park des Sālawaldes von Gosiṅga auf.
3. Als es Abend war, erhob sich der Erhabene von der Meditation und ging zum Park des Sālawaldes von Gosiṅga. Der Parkwächter sah den Erhabenen in der Ferne kommen und sagte zu ihm: „Betritt diesen Park nicht, Mönch. Hier sind drei Männer aus guter Familie, die nach dem Guten streben. Störe sie nicht.“
4. Der ehrwürdige Anuruddha hörte den Parkwächter zum Erhabenen sprechen und sagte zu ihm: „Freund Parkwächter, laß den Erhabenen nicht draußen bleiben. Es handelt sich um unseren Lehrer, den Erhabenen, der da gekommen ist.“ Dann ging der ehrwürdige Anuruddha zum ehrwürdigen Nandiya und zum ehrwürdigen Kimbila und sagte: „Kommt heraus, Ehrwürdige, kommt heraus! Unser Lehrer, der Erhabene ist gekommen.“
5. Dann gingen alle drei dem Erhabenen entgegen. Einer nahm seine Schale und äußere Robe, einer bereitete einen Sitz vor, und einer stellte Wasser zum Füße waschen bereit. Der Erhabene setzte sich auf dem vorbereiteten Sitz nieder und wusch sich die Füße. Dann huldigten jene drei Ehrwürdigen dem Erhabenen und setzten sich seitlich nieder, und der Erhabene sagte zum ehrwürdigen Anuruddha: „Ich hoffe, es ist alles in Ordnung, Anuruddha, ich hoffe, eure Ernährung ist gesichert, ich hoffe, ihr habt keine Probleme, Almosenspeise zu bekommen.“
„Es ist alles in Ordnung, Erhabener, unsere Ernährung ist gesichert, wir haben keine Probleme Almosenspeise zu bekommen.“
6. „Ich hoffe, Anuruddha, daß ihr alle in Eintracht lebt, mit gegenseitigem Verständnis, ohne Streit, wobei ihr euch wie Milch und Wasser mischt, euch gegenseitig mit gütigen Augen betrachtet.“
„Gewiß, ehrwürdiger Herr, wir alle leben in Eintracht, mit gegenseitigem Verständnis, ohne Streit, wobei wir uns wie Milch und Wasser mischen, uns gegenseitig mit gütigen Augen betrachten.“
„Aber, Anuruddha, auf welche Weise lebt ihr so?“
7. „Ehrwürdiger Herr, was das betrifft, denke ich so: ‚Es ist ein Gewinn für mich, es ist ein großer Gewinn für mich, daß ich mit solchen Gefährten im heiligen Leben zusammenlebe.‘ Ich halte körperliche Handlungen der Liebenden Güte gegenüber diesen Ehrwürdigen ein, sowohl öffentlich, wie auch im Privaten; ich halte sprachliche Handlungen der Liebenden Güte ihnen gegenüber ein, sowohl öffentlich, wie auch im Privaten; ich halte geistige Handlungen der Liebenden Güte ihnen gegenüber ein, sowohl öffentlich, wie auch im Privaten. Ich erwäge: ‚ Warum stelle ich nicht zurück, was ich zu tun wünsche, und tue, was diese Ehrwürdigen zu tun wünschen?‘ Dann stelle ich zurück, was ich zu tun wünsche, und tue, was diese Ehrwürdigen zu tun wünschen. Wir sind im Körper unterschiedlich, ehrwürdiger Herr, aber im Geiste eins.“
Der ehrwürdige Nandiya und der ehrwürdige Kimbila sprachen jeweils auf gleiche Weise und fügten hinzu: „Auf jene Weise, ehrwürdiger Herr, leben wir in Eintracht, mit gegenseitigem Verständnis, ohne Streit, wobei wir uns wie Milch und Wasser mischen, uns gegenseitig mit gütigen Augen betrachten.“
8. „Gut, gut, Anuruddha. Ich hoffe, daß ihr alle umsichtig, eifrig und entschlossen weilt.“
„Gewiß, ehrwürdiger Herr, wir weilen umsichtig, eifrig und entschlossen.“
„Aber, Anuruddha, auf welche Weise weilt ihr so?“
9. „Ehrwürdiger Herr, was das betrifft, wer von uns auch immer zuerst vom Dorf mit Almosenspeise zurückkehrt, bereitet die Sitze vor, stellt Wasser zum Trinken und Waschen bereit, und stellt den Abfalleimer auf seinen Platz. Wer von uns auch immer zuletzt zurückkehrt, ißt, was an Essen übrigblieb, falls er das wünscht; ansonsten wirft er es dort weg, wo nichts Grünes wächst, oder wirft es dort ins Wasser, wo nichts lebt. Er räumt die Sitze und das Wasser zum Trinken und Waschen weg. Er räumt den Abfalleimer weg, nachdem er ihn ausgewaschen hat, und er fegt den Speisesaal. Wer auch immer feststellt, daß die Behälter für das Trinkwasser oder das Waschwasser oder das Wasser für die Latrine fast oder ganz leer sind, kümmert sich darum. Wenn sie zu schwer für ihn sind, ruft er jemanden mit einem Handzeichen herbei, und mit vereinten Kräften bewegen sie diese, aber deswegen fangen wir nicht zu sprechen an. Aber alle fünf Tage sitzen wir die ganze Nacht hindurch zusammen und erörtern das Dhamma. Auf jene Weise weilen wir umsichtig, eifrig und entschlossen.“
Sich ums Heilsame bemühen
Ich mag diesen Ausdruck sehr: sich gegenseitig mit gütigen Augen betrachten. Egal, wie es in meinem Herzen gerade ausschaut, ich kann mich stets darum bemühen, jemanden mit wohlwollenden Augen zu betrachten. Wenn man das sich immer wieder in Erinnerung ruft und seinen Geist darauf ausrichtet, seine Umgebung mit liebevollen Augen zu betrachten, gerät das Herz nicht so schnell in unheilsame Zustände.
Natürlich hat dieses Wohlwollen eine ganz andere, höhere Qualität, wenn es aus einem liebevollen Herzen einfach überfliesst. Aber selbst wenn das Herz gerade trotzig rumzickt, können wir uns bemühen, unser Wollen in eine heilsame Richtung zu lenken. Wir können zwar nicht nach Belieben darüber bestimmen, was wir zu wollen haben. Wir sind unserem Wollen und Nicht-Wollen aber auch nicht komplett wehrlos ausgeliefert.
Es ist allerdings auch überhaupt nicht hilfreich, vorhandene Unheilsamkeiten zu überspielen, anderen (und sich selbst!) etwas vorzuheucheln und zu tun als ob.
Wie kriegen wir unser noch unerleuchtetes, dickköpfiges Herz wieder in die Spur?
Die 19. Lehrrede der Mittleren Sammlung hilft uns weiter:
Zweierlei Arten von Gedanken (Auszug):
3. „Während ich so umsichtig, eifrig und entschlossen weilte, erschien ein Gedanke der Sinnesbegierde in mir. Ich verstand folgendermaßen: ‚Dieser Gedanke der Sinnesbegierde ist in mir entstanden. Dies führt zu meinem eigenen Leid, zum Leid anderer und zum Leid beider; es beeinträchtigt Weisheit, verursacht Schwierigkeiten, und führt von Nibbāna weg.‘ Als ich erwog: ‚Dies führt zu meinem eigenen Leid‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies führt zum Leid anderer‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies führt zum Leid beider‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies beeinträchtigt Weisheit, verursacht Schwierigkeiten, und führt von Nibbāna weg‘, verschwand es. Wann immer ein Gedanke der Sinnesbegierde in mir erschien, gab ich ihn (auf diese Weise) auf, entfernte ich ihn, beseitigte ich ihn.“
4. „Während ich so umsichtig, eifrig und entschlossen weilte, erschien ein Gedanke des Übelwollens in mir. Ich verstand folgendermaßen: ‚Dieser Gedanke des Übelwollens ist in mir entstanden. Dies führt zu meinem eigenen Leid, zum Leid anderer und zum Leid beider; es beeinträchtigt Weisheit, verursacht Schwierigkeiten, und führt von Nibbāna weg.‘ Als ich erwog: ‚Dies führt zu meinem eigenen Leid‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies führt zum Leid anderer‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies führt zum Leid beider‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies beeinträchtigt Weisheit, verursacht Schwierigkeiten, und führt von Nibbāna weg‘, verschwand es. Wann immer ein Gedanke des Übelwollens in mir erschien, gab ich ihn (auf diese Weise) auf, entfernte ich ihn, beseitigte ich ihn.“
5. „Während ich so umsichtig, eifrig und entschlossen weilte, erschien ein Gedanke der Grausamkeit in mir. Ich verstand folgendermaßen: ‚Dieser Gedanke der Grausamkeit ist in mir entstanden. Dies führt zu meinem eigenen Leid, zum Leid anderer und zum Leid beider; es beeinträchtigt Weisheit, verursacht Schwierigkeiten, und führt von Nibbāna weg.‘ Als ich erwog: ‚Dies führt zu meinem eigenen Leid‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies führt zum Leid anderer‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies führt zum Leid beider‘, verschwand es; als ich erwog: ‚Dies beeinträchtigt Weisheit, verursacht Schwierigkeiten, und führt von Nibbāna weg‘, verschwand es. Wann immer ein Gedanke der Grausamkeit in mir erschien, gab ich ihn (auf diese Weise) auf, entfernte ich ihn, beseitigte ich ihn.“
6. „Ihr Bhikkhus, worüber auch immer ein Bhikkhu häufig nachdenkt und nachsinnt, das wird seine Herzensneigung werden. Wenn er häufig über Gedanken der Sinnesbegierde nachdenkt und nachsinnt, hat er den Gedanken der Entsagung aufgegeben, um den Gedanken der Sinnesbegierde zu pflegen, und dann neigt sein Geist zu Gedanken der Sinnesbegierde.
Wenn er häufig über Gedanken des Übelwollens nachdenkt und nachsinnt, hat er den Gedanken des Nicht-Übelwollens aufgegeben, um den Gedanken des Übelwollens zu pflegen, und dann neigt sein Geist zu Gedanken des Übelwollens.
Wenn er häufig über Gedanken der Grausamkeit nachdenkt und nachsinnt, hat er den Gedanken der Nicht-Grausamkeit aufgegeben, um den Gedanken der Grausamkeit zu pflegen, und dann neigt sein Geist zu Gedanken der Grausamkeit.“
7. „So wie im letzten Monat der Regenzeit, im Herbst, wenn das Korn heranreift, ein Kuhhirte seine Kühe hüten würde, indem er sie ständig mit einem Stock auf die eine und die andere Seite klopft und stupst, um sie zu zügeln und im Zaum zu halten. Warum ist das so? Weil er sieht, daß er ausgepeitscht, eingesperrt, mit einer Geldbuße belegt oder gescholten werden könnte (wenn er sie ins Korn streunen ließe).
Genauso sah ich in unheilsamen Geisteszuständen Gefahr, Erniedrigung und Befleckung, und in heilsamen Geisteszuständen den Segen der Entsagung, den Aspekt der Reinigung.“
8. „Während ich so umsichtig, eifrig und entschlossen weilte, erschien ein Gedanke der Entsagung in mir. Ich verstand folgendermaßen: ‚Dieser Gedanke der Entsagung ist in mir entstanden. Dies führt nicht zu meinem eigenen Leid, oder zum Leid anderer oder zum Leid beider; es fördert Weisheit, verursacht keine Schwierigkeiten, und führt zu Nibbāna hin. Wenn ich über diesen Gedanken nachdenke und nachsinne, und sei es sogar eine Nacht lang, sogar einen Tag lang, sogar eine Nacht und einen Tag lang, sehe ich nichts, das davon zu befürchten wäre.
Aber mit übermäßigem Nachdenken und Nachsinnen könnte ich meinen Körper ermüden, und wenn der Körper ermüdet ist, wird der Geist überanstrengt, und wenn der Geist überanstrengt ist, ist er von Konzentration weit entfernt.‘
Also festigte ich meinen Geist innerlich, beruhigte ihn, brachte ihn zur Einheit und konzentrierte ihn. Warum ist das so? Weil mein Geist nicht überanstrengt werden sollte.“
9. „Während ich so umsichtig, eifrig und entschlossen weilte, erschien ein Gedanke des Nicht-Übelwollens in mir. Ich verstand folgendermaßen: ‚Dieser Gedanke des Nicht-Übelwollens ist in mir entstanden. Dies führt nicht zu meinem eigenen Leid, oder zum Leid anderer oder zum Leid beider; es fördert Weisheit, verursacht keine Schwierigkeiten, und führt zu Nibbāna hin. Wenn ich über diesen Gedanken nachdenke und nachsinne, und sei es sogar eine Nacht lang, sogar einen Tag lang, sogar eine Nacht und einen Tag lang, sehe ich nichts, das davon zu befürchten wäre.
Aber mit übermäßigem Nachdenken und Nachsinnen könnte ich meinen Körper ermüden, und wenn der Körper ermüdet ist, wird der Geist überanstrengt, und wenn der Geist überanstrengt ist, ist er von Konzentration weit entfernt.‘ Also festigte ich meinen Geist innerlich, beruhigte ihn, brachte ihn zur Einheit und konzentrierte ihn. Warum ist das so? Weil mein Geist nicht überanstrengt werden sollte.“
10. „Während ich so umsichtig, eifrig und entschlossen weilte, erschien ein Gedanke der Nicht-Grausamkeit in mir. Ich verstand folgendermaßen: ‚Dieser Gedanke der Nicht-Grausamkeit ist in mir entstanden. Dies führt nicht zu meinem eigenen Leid, oder zum Leid anderer oder zum Leid beider; es fördert Weisheit, verursacht keine Schwierigkeiten, und führt zu Nibbāna hin. Wenn ich über diesen Gedanken nachdenke und nachsinne, und sei es sogar eine Nacht lang, sogar einen Tag lang, sogar eine Nacht und einen Tag lang, sehe ich nichts, das davon zu befürchten wäre.
Aber mit übermäßigem Nachdenken und Nachsinnen könnte ich meinen Körper ermüden, und wenn der Körper ermüdet ist, wird der Geist überanstrengt, und wenn der Geist überanstrengt ist, ist er von Konzentration weit entfernt.‘ Also festigte ich meinen Geist innerlich, beruhigte ihn, brachte ihn zur Einheit und konzentrierte ihn. Warum ist das so? Damit mein Geist nicht überanstrengt werden sollte.“
11. „Ihr Bhikkhus, worüber auch immer ein Bhikkhu häufig nachdenkt und nachsinnt, das wird seine Geistesneigung werden. Wenn er häufig über Gedanken der Entsagung nachdenkt und nachsinnt, hat er den Gedanken der Sinnesbegierde aufgegeben, um den Gedanken der Entsagung zu pflegen, und dann neigt sein Geist zu Gedanken der Entsagung.
Wenn er häufig über Gedanken des Nicht-Übelwollens nachdenkt und nachsinnt, hat er den Gedanken des Übelwollens aufgegeben, um den Gedanken des Nicht-Übelwollens zu pflegen, und dann neigt sein Geist zu Gedanken des Nicht-Übelwollens.
Wenn er häufig über Gedanken der Nicht-Grausamkeit nachdenkt und nachsinnt, hat er den Gedanken der Grausamkeit aufgegeben, um den Gedanken der Nicht-Grausamkeit zu pflegen, und dann neigt sein Geist zu Gedanken der Nicht-Grausamkeit.“
Wenn wir also feststellen, dass da kein Wohlwollen in unserem Herzen ist, das aus unseren Augen zu anderen Menschen überfliessen könnte, können wir uns bewusst machen, dass da kein Wohlwollen ist. Sondern Ärger, Gereiztheit, Eifersucht oder was auch immer. Wir können uns bewusst machen, dass das schädlich ist. Schädlich sowohl für uns selbst als auch für andere. Das soll nicht heissen, dass wir diesen Herzenszustand verleugnen und verdrängen sollen. Sondern dass wir ihn erkennen, anerkennen und nicht ausagieren.
Aus meiner persönlichen Erfahrung reicht es nicht, einfach nur zu sehen, dass da etwas Schädliches, Unheilsames in meinem Herzen ist. Ich muss mit meinem Herzen sprechen, den Blickwinkel vom Unheilsamen weg, hin zum Heilsamen lenken:
„Schau mal, wie schädlich das ist, was du da machst. Merkst du, wie weh diese ärgerlichen Gedanken tun? Warum tust du dir das selber an? Warum denkst du so schlecht über dieses und jenes? Warum so giftig? Lass es doch.
Schau doch mal, ob du nicht ein Quäntchen Wohlwollen für die Person oder Situation findest, über die du dich gerade so aufregst. Kannst du nicht deine Einstellung ändern, es von einem anderen, heilsameren Standpunkt aus betrachten? Fokussier dich doch darauf. Nähr nicht das Unheilsame. Worauf man sich fokussiert, das wächst in einem. Lass doch das Heilsame wachsen, nicht das Unheilsame.“
Worüber wir häufig nachdenken und nachsinnen, dahin neigt sich unser Geist.
Wenn mein Herz dann immer noch rumschimpft, versuche ich mir alle guten Eigenschaften und positiven Aspekte in Erinnerung zu rufen, bis das Herz wieder weicher und gnädiger wird. Oder erinnere es daran, wie schwer es mir fällt, meine Fehler zu überwinden und mich zum Besseren zu verändern, was für andere kein bisschen leichter ist.
„Sei doch nicht so hart. Hab doch ein bisschen Nachsicht.“
Bis es mir gelingt, das Herz wieder mit dem Wunsch zu füllen, dass es dem Objekt meiner Aufmerksamkeit gut gehen möge. So dass ich es wieder mit liebevollen Augen betrachten kann. Oftmals reicht es sogar schon aus, mir den Satz „liebevolle, gütige Augen“ ins Gedächtnis zu rufen, um den Turnaround zu schaffen.
Worüber wir häufig nachdenken und nachsinnen, also worauf wir unseren Grist ausrichten, bestimmt, wohin sich das Herz neigt. Je häufiger wir uns auf das Heilsame ausrichten, umso mehr wird es zu unserer Gewohnheit, unserer Natur.
Der Buddha warnt uns jedoch davor, uns zu lange mit Nachdenken und Nachsinnen zu beschäftigen, da es Körper und Geist viel Energie kostet, die wir sinnvoller nutzen können.
Häufig und lange ist nicht dasselbe! Sich damit zu beschäftigen, bis das Herz den Turnaround vom Unheilsamen ins Heilsame geschafft hat, scheint mir genau die richte Dauer zu sein.
Immer wieder mal zu überprüfen, in welchem Zustand sich unser Herz befindet, scheint mir die richtige Häufigkeit zu sein.
Wertschätzung und Dankbarkeit
Aber die drei Ehrwürdigen begnügen sich ja nicht damit, einander nur mit gütigen Augen zu betrachten und ihr Handeln, ihre Rede und ihr Denken auf das Liebevolle auszurichten. Sie machen sich immer wieder die Vorteile bewusst, mit den anderen zusammenleben zu dürfen.
Wie ich vorhin schon erwähnt habe: auch oder gerade Menschen, die für uns im Umgang schwierig sind, bieten uns die kostbare Gelegenheit, an unsere Gier, unsere Ablehnung, an unser Ego und unser Anhaften an unseren Ansichten ranzukommen. Dies uns selbst immer wieder zu sagen und unserem Herzen dadurch einen Schubs in Richtung Heilsamkeit und Loslassen zu verpassen, Richtung Wertschätzung und Dankbarkeit, kann gar nicht wichtig genug eingeschätzt werden.
Umsichtige Hilfsbereitschaft
Im Zusammenleben verhalten sie sich umsichtig und rücksichtsvoll. Sie sehen, was getan werden muss und auch, wer es am besten tun soll. Man kann andere sehr verletzen, wenn man sich unüberlegt einmischt, selbst in bester Absicht. Besonders, wenn diejenigen noch nicht erleuchtet sind, was ja bei den allermeisten der Fall ist. Nur zu schnell fühlt man sich abgewertet, beklagt sich innerlich über mangelndes Vertrauen und ärgert sich über das Dazwischenfunken. Es unterminiert dessen Selbstvertrauen, wenn man jemandem hilft, der gar keine Hilfe braucht. Es stärkt denjenigen nicht, sondern lässt ihn mit einem Gefühl von klein und unfähig zurück. Während es den „Helfer“ sich gross und stark fühlen lässt. Das Ego lässt grüssen und tarnt sich als Hilfsbereitschaft.
Es ist manchmal viel schwerer, Dinge zu sehen und sie vertrauensvoll der zuständigen Person zu überlassen, statt sich einzumischen.
Nur zu oft unterlassen wir die wichtige Reflektion:
Schade ich mir, wenn ich mich darum kümmere?
Indem ich z.B. meine Verpflichtungen deswegen vernachlässigen würde.
Nicht nur die, die ich anderen gegenüber habe. Sondern vor allem die, die ich mir gegenüber habe.
Oder bestätige ich mein Ego in seiner Rolle als Allroundhelferin und -kümmerin?
Oder indem ich einfach meine Energie unnötig verschwende. Uns steht nicht unendlich viel Energie zur Verfügung und wir sollten sie weise einsetzen.
Schade ich der Person, der ich gerade dazwischenfunke?
Reisse ich sie aus dem Flow ihrer geistigen Todo-Liste?
Gebe ich ihr damit, ohne es bös zu meinen, das Gefühl, ich könne es eh besser als sie?
Natürlich ist es gut zu helfen, wenn Hilfe benötigt wird. Doch mit Weisheit und Umsicht und nicht mit blindem Aktionismus.
Sich selbst zurücknehmen – mit Weisheit
Wenn einer der Mönche etwas zu tun wünscht, was gerade mit den Wünschen der anderen kollidiert, so geben sie nicht einfach den Wünschen des anderen nach oder beharren auf ihren eigenen. Sondern sie reflektieren darüber:
Wie wäre es, wenn ich zurückstellen würde, was ich vor hatte und tue, was die anderen zu tun wünschen?
Vielleicht zeigt sich bei der Reflektion, dass das gar nicht so klug wäre.
Vielleicht zeigt sich auch eine kleine Unheilsamkeit in Form von ‚warum eigentlich immer ich?‘ oder ‚mach es doch selber‘ oder was auch immer. Die man erstmal erkennen und auflösen sollte. Das Herz sollte erst wieder aufs Heilsame ausrichtet werden, bevor man die Entscheidung trifft, ob es in dieser Situation heilsam ist, die eigenen Vorhaben und Wünsche zurückzustellen oder nicht.
Es passiert nur zu leicht, dass diese ignorierten ‚Mimimi‘ sich irgendwann zu ernsthaftem Groll entwickeln. Ignorierte Unheilsamkeiten haben leider die unangenehme Eigenschaft, sich zu ernstzunehmenden unheilsamen Geisteszuständen auszuwachsen, die nicht mehr so leicht zu überwinden sind.
Besser, man entfernt das Unkraut, solange es noch klein ist und leicht mitsamt der Wurzel ausgerissen werden kann.
Wenn es einem zur Gewohnheit geworden ist, sein Herz immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls neu auszurichten, verweilen wir viel häufiger in heilsamen Geisteszuständen. Wir betrachten unsere Mitmenschen mit all ihren Andersheiten, ihren Fehlern und Schwierigkeiten mit freundlichen, gütigen Augen. Wir behandeln sie liebevoll und nachsichtig, sei es mit Handlungen, Sprache oder Gedanken über sie. Durch unsere umsichtige Achtsamkeit erkennen wir, falls jemand Unterstützung benötigt und handeln entsprechend. Und es fällt uns immer leichter, den Unterschied zwischen Selbstbestätigung und Selbstfürsorge zu erkennen und entsprechend zu handeln. So verwirklichen wir ein liebevolles Miteinander. Mit anderen und mit uns selbst.

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