Leider hat uns die Technik im Stich gelassen und der Vortrag wurde nicht aufgezeichnet. Deshalb kann ich leider nur den Text mit euch teilen, mit dem ich mich vorbereitet habe.
Ich bin zuversichtlich, dass ihr darin auch etwas Nützliches finden werdet 😊.
An jedem Uposathatag nehmen wir unsere Regeln neu. Manche nehmen 5, manche nehmen 8 oder 10 und manche 311.
Wir lassen unser vergangenes Scheitern hinter uns und vertrauen wieder voll Zuversicht auf unsere Fähigkeit, uns heilsam zu verhalten.
Die fünf Tugendregeln sollen uns daran hindern Gier, Hass und Verblendung auszuleben.
Wenn wir töten, geben wir dem Hass nach. Wenn wir stehlen, geben wir der Gier nach. Wenn wir unser sexuelles Verlangen rücksichslos ausleben, geben wir ebenfalls der Gier nach. Wenn wir lügen, schlecht über andere reden oder über Gott und die Welt plaudern, geben wir manchmal der Gier, manchmal dem Hass, aber hauptsächlich der Verblendung, der Egobestätigung nach. Wenn wir unseren Geist vernebeln, kriegen wir noch nicht einmal mit, wie sehr wir Gier, Hass und Verblendung nähren.
Die 8, 10 oder 311 Regeln sind nicht „besser“ als die fünf, sondern bieten uns einfach zusätzliche Möglichkeiten, diese drei Wurzelübel zu sehen und an ihnen zu arbeiten.
Wir wir gerade gesehen haben, arbeiten manche Regeln gegen die Gier, manche gegen den Hass, aber die 4. Regel, falsche Rede, arbeitet gegen alle drei Geistesgifte an. Deshalb möchte ich sie heute etwas genauer unter die Lupe nehmen.
Wenn wir die Regel der rechten Rede auf uns nehmen, scheint sie uns erstmal nicht so schwer. Nicht zu lügen, nicht grob oder hinter jemandes Rücken schlecht zu sprechen und nicht zu schwatzen scheint machbar. In der Praxis sehen wir, dass wir damit unerwartet oft scheitern. Was aus unserem Mund herauskommt, unterscheidet sich sehr oft von dem, was wir uns vorgenommen und gedanklich zurechgelegt haben. Wie kommt das?
Was ist Rede, also Sprache, eigentlich genau? Es sind ausgesprochene Gedanken. Wir können nicht etwas sagen, was wir nicht denken. Meistens denken wir nach, bevor wir sprechen. Manchmal sprechen wir unsere Gedanken aus, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben. Aber wir können nicht etwas aussprechen, was wir nicht denken.
Die Gestaltungen der Sprache, also das, was die Sprache formt, sind vitakka und vicāra. Vitakka und vicāra wird in älteren Übersetzungen mit Gedanken fassen und nachsinnen übersetzt, in neueren mit anfängliche und anhaltende Hinwendung des Geistes. Auf den ersten Blick zwei komplett unterschiedliche Handlungen.
Wir kennen diese beiden Begriffe auch aus den Vertiefungen. Die anfängliche und anhaltende Hinwendung des Geistes zum Meditationobjekt führt in die erste Vertiefung und das Aufhören der Hinwendung führt in die zweite.
Bei der Sprache wendet sich der Geist ebenfalls erst einem Objekt zu, also anfängliche Hinwendung, vitakka. Das Objekt ist in dem Fall nicht ein Meditationsobjekt, sondern ein Gedanke: er fasst einen Gedanken. Bleibt der Geist bei dem Objekt, also nicht nur anfänglich, vitakka, sondern anhaltend, vicāra, so befasst er sich mit diesem Gedanken: er denkt darüber nach. Wenn wir einen Gedanken aufgegriffen und weitergeführt haben, können wir darüber sprechen. Wenn wir ihn nicht weiterführen, können wir nicht sprechen. In der Ajahn Tong Methode benennen wir alles, was gerade passiert, vitakka. Dadurch vermeiden wir das weiterführen, vicāra. Wir können das Benennen natürlich auch laut aussprechen, aber von sprechen, also von Rede, kann nicht die Rede sein.
Rede ist also das Produkt der anfänglichen und anhaltenden Hinwendung des Geistes zu Gedanken. Wenn wir uns Gedanken der Gier, des Hasses und der Verblendung zuwenden und diese nähren, indem wir uns damit beschäftigen, werden wir Worte der Gier, des Hasses und der Egobestätigung von uns geben.
Wie kommt es dann aber, dass wir uns Gedanken zurechtlegen, und dann doch etwas anderes aussprechen, als wir uns vorgenommen hatten? Möglicherweise missverstehen wir, was ein Gedanke ist. Meistens verstehen wir unter Gedanken nicht- ausgesprochene Sprache. Wir sprechen innerlich und nennen das Gedanken. Verbalisierte Gedanken sind aber nur ein kleiner Teil der Gedanken. Der Grossteil unserer Gedanken besteht aus Bewertungen, Überzeugungen. Aus wünschenswert (Gier), nicht wünschenswert (Hass), und der Bestätigung, dass wir mit unseren Bewertungen richtig liegen (Verblendung).
Wir können uns noch so schöne Worte zurechtlegen: Wenn die Hinwendung des Geistes auf einem der drei Gifte ruht, wird die Rede davon vergiftet. Vielleicht gelingt es uns, die schön zurechtgelegten Worte zu benutzen. Aber trotzdem haben sie einen unangenehmen Beigeschmack. Da ist eine Schwingung dabei, die einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.
Wenn unser Geist sich aber Gier, Hass und Verblendung zuwendet, nährt und fördert er sie. Unsere Rede ist das Spiegelbild, das uns und anderen aufzeigt, wohin sich unser Geist wendet.
Natürlich können wir unseren Geist ganz bewusst auf heilsame Zustände richten, wenn er sich noch nicht von selbst da hin wendet. Wir können uns darum bemühen, unseren Geist zu Wohlwollen, Mitgefühl und Mitfreude hin zu wenden, zu Geduld, Gewaltfreiheit und Anteilnahme, wie im Gleichnis von den Bambusakrobaten erwähnt. Je nach Stärke der Neigung zu den Geistesgiften (und wir können davon ausgehen, dass sie sehr stark ist!) werden wir mehr oder weniger oft scheitern. Wenn wir nun auf unser Scheitern mit Gewissensbissen und Selbstverurteilungen reagieren, nähren und festigen wir gleich nochmals unsere Ablehnung, also den Hass.
Die Geistesgifte sind immer in einem Zustand des Mangels. Es mangelt an dauerhaften angenehmen Gefühlen, an Sicherheit und an Bestätigung. Sie sind mit dem Ist-Zustand, den Tatsachen, wie die Dinge eben sind, nicht einverstanden und werden versuchen, jemanden dazu zu bringen diesen Mangel zu beheben oder zumindest zu vertuschen. Um das zu Erreichen, werden die Dinge nicht so wiedergeben, wie sie sind, sondern so, dass der Mangel eben behoben oder zumindest vertuscht wird. Sie sprechen manipulierend, übertreiben oder untertreiben und verdrehen Tatsachen.
Nicht nur anderen gegenüber, sondern im ganz grossen Stil uns selbst gegenüber. Denn mit uns sprechen wir ja den ganzen Tag. Mit niemandem reden wir so viel wie mit uns selbst.
Diese subtile Art zu lügen, indem manipuliert und beschönigt wird, schadet uns enorm.
Jegliche Art der Lüge schadet uns.
Darauf geht der Erhabene beim Rat an Rahula bei Ambalatthika, MN 61, ein
Ambalaṭṭhikā – Ambalaṭṭhikārāhulovāda Sutta
1. So habe ich gehört. Einmal hielt sich der Erhabene bei Rājagaha im Bambushain, dem Eichhörnchen-Park auf.
2. Bei jener Gelegenheit hielt sich der ehrwürdige Rāhula bei Ambalaṭṭhikā auf. Als es Abend war, erhob sich der Erhabene aus der Meditation und ging zum ehrwürdigen Rāhula [1] bei Ambalaṭṭhikā. Der ehrwürdige Rāhula sah den Erhabenen in der Ferne kommen und bereitete einen Sitz vor und stellte Wasser zum Waschen der Füße bereit. Der Erhabene setze sich auf dem vorbereiteten Sitz nieder und wusch sich die Füße. Der ehrwürdige Rāhula huldigte ihm und setzte sich seitlich nieder.
3. Da ließ der Erhabene einen kleinen Rest Wasser in der Wasserschüssel zurück und fragte den ehrwürdigen Rāhula: „Rāhula, siehst du diesen kleinen Rest Wasser in der Wasserschüssel?“ – „Ja, ehrwürdiger Herr.“ – „Rāhula, genauso gering ist das Mönchtum jener, die sich nicht schämen, vorsätzlich zu lügen.“
4. Dann schüttete der Erhabene den kleinen Rest Wasser, der übrig war, weg und fragte den ehrwürdigen Rāhula: „Rāhula, siehst du jenen kleinen Rest Wasser, der weggeschüttet wurde?“ – „Ja, ehrwürdiger Herr.“ – „Rāhula, ebenso weggeschüttet ist das Mönchtum jener, die sich nicht schämen, vorsätzlich zu lügen.“
5. Dann stülpte der Erhabene die Wasserschüssel um und fragte den ehrwürdigen Rāhula: „Rāhula, siehst du diese umgestülpte Wasserschüssel?“ – „Ja, ehrwürdiger Herr.“ – „Rāhula, ebenso umgestülpt ist das Mönchtum jener, die sich nicht schämen, vorsätzlich zu lügen.“
6. Dann drehte der Erhabene die Wasserschüssel wieder richtig herum und fragte den ehrwürdigen Rāhula: „Rāhula, siehst du diese hohle, leere Wasserschüssel?“ – „Ja, ehrwürdiger Herr.“ – „Rāhula, ebenso hohl und leer ist das Mönchtum jener, die sich nicht schämen, vorsätzlich zu lügen.“
7. „Angenommen, es gäbe einen königlichen Kriegselefanten mit Stoßzähnen, so lang wie Wagendeichseln, mit ausgewachsener Statur, hochgezüchtet und an die Schlacht gewöhnt. In der Schlacht würde er seine Aufgabe mit den Vorderfüßen und den Hinterfüßen erfüllen, mit der Vorderseite und der Hinterseite, mit dem Kopf und den Ohren, mit den Stoßzähnen und dem Schwanz, und doch würde er den Rüssel schonen. Dann würde sein Elefantenführer denken: ‚Dieser königliche Kriegselefant mit Stoßzähnen, so lang wie Wagendeichseln, mit ausgewachsener Statur, hochgezüchtet und an die Schlacht gewöhnt, erfüllt seine Aufgabe in der Schlacht mit den Vorderfüßen und den Hinterfüßen, mit der Vorderseite und der Hinterseite, mit dem Kopf und den Ohren, mit den Stoßzähnen und dem Schwanz, und doch schont er den Rüssel. Er hat sein Leben noch nicht aufgegeben.‘ Aber wenn der königliche Kriegselefant mit Stoßzähnen, so lang wie Wagendeichseln, mit ausgewachsener Statur, hochgezüchtet und an die Schlacht gewöhnt, seine Aufgabe in der Schlacht mit den Vorderfüßen und den Hinterfüßen erfüllt, mit der Vorderseite und der Hinterseite, mit dem Kopf und den Ohren, mit den Stoßzähnen und dem Schwanz, und auch mit dem Rüssel, dann würde sein Elefantenführer denken: ‚Dieser königliche Kriegselefant mit Stoßzähnen, so lang wie Wagendeichseln, mit ausgewachsener Statur, hochgezüchtet und an die Schlacht gewöhnt, erfüllt seine Aufgabe in der Schlacht mit den Vorderfüßen und den Hinterfüßen, mit der Vorderseite und der Hinterseite, mit dem Kopf und den Ohren, mit den Stoßzähnen und dem Schwanz, und auch mit dem Rüssel. Er hat sein Leben aufgegeben. Jetzt gibt es nichts, was dieser königliche Kriegselefant nicht tun würde.‘ Ebenso, Rāhula, wenn man sich nicht schämt, vorsätzlich zu lügen, dann gibt es kein Übel, sage ich, das man nicht tun würde. Daher, Rāhula, solltest du sich so üben: ‚Ich will keine Unwahrheit äußern, nicht einmal im Scherz.’“
Warum aber hat eine vorsätzliche Lüge solch verheerende Folgen? Warum ist gleich der ganze heilige Wandel gescheitert, wenn wir unehrlich sind?
Wir haben nicht nur die offensichtlichen negativen Folgen wie den Verlust der Glaubwürdigkeit und den Dauerstress der Aufrechterhaltung der Lüge zu tragen. Wir geben vor, etwas zu sein, das wir nicht sind. Wir erschaffen eine Person, die so gar nicht existiert und gaukeln sie anderen und auch uns selbst vor. Irgendwann wissen wir selbst nicht mehr, was echt ist und was nicht. Wie wollen wir das, was tatsächlich da ist, durchschauen, wenn wir ständig eine Illusion kreieren? Lüge bzw. Unehrlichkeit geht also sehr viel tiefer als nur das, was wir aussprechen, sondern kann auch unser Verhalten einschliessen.
Anstatt an den Geistesgiften zu arbeiten, verstecken wir sie. Vor anderen und vor uns selbst. Im Verborgenen können sie ungehindert schalten und walten. Da wir nicht bereit sind, uns ihnen zu stellen, sind wir weder in der Lage, ihnen Einhalt zu gebieten noch sie aufzulösen. Wenn wir nicht bereit sind, dem Übel entgegenzutreten, lassen wir es gewähren. Wenn wir nicht bereit sind, uns um das Heilsame zu bemühen, sind wir zu jedem Übel fähig. Denn dann geben wir nur vor, das Heilsame zu wollen.
Vielleicht denken wir: Mir sind meine Unzulänglichkeiten durchaus bewusst und ich arbeite auch daran. Aber das müssen andere ja nicht mitkriegen. Das ist leider ein Trugschluss. Jedesmal, wenn wir etwas vorspielen, entfernen wir uns von uns selbst. Irgendwann haben wir uns von uns selbst so weit entfernt, dass wir selbst nicht mehr wissen, was echt ist und was nur gespielt. Wie sollen wir dann dieses Selbst durchschauen? Dann ist keine Praxis mehr möglich. Wir haben uns selbst den Weg verbaut.
Authentizität heisst natürlich nicht, dass wir mit unseren Unzulänglichkeiten und Schwächen hausieren gehen müssen. Wir müssen nicht jedem auf die Nase binden, was bei uns noch nicht ganz rund läuft. Und schon gar nicht müssen wir das nächste Ego aufbauen, das sich darin gefällt, sich selbst anzuklagen und zu kasteien.
Aber wir müssen dazu stehen, wie es jetzt gerade ist. Und nicht versuchen, zu überspielen oder vertuschen, was nicht perfekt ist. Ob es nun jemand mitkriegt oder nicht. Denn wenn wir nicht dazu stehen wollen ist das nur ein Zeichen dafür, dass wir es ablehnen. Nicht haben wollen, wie wir sind. Wir nähren nur wieder den Hass in uns. Wir können den Hass nicht überwinden, indem wir ihn nähren.
Die Ablehnung gegen unsere Schwächen und Unperfektheiten können wir nur überwinden, indem wir uns bemühen, mit Wohlwollen und Mitgefühl darauf zu reagieren. Mit einer Prise Humor und aufrichtiger Freude über die Gelegenheit, noch Vorhandenes betrachten und annehmen zu können.
Wir können uns bemühen, auf alle Situationen, innerliche wie äusserliche, mit Wohlwollen, Anteilnahme und Heiterkeit zu reagieren. Nur schon durch das Bemühen, also nicht erst durch das tatsächliche Gelingen, gestalten vitakka und vicāra Sprache auf der Basis von Wohlwollen, Anteilnahme und Heiterkeit. Wir müssen uns keine schönen Worte zurecht legen, da unsere Worte aus einem liebevollen Herzen kommen.
Es geht aber sehr viel weiter als nur um unsere Reaktionen. Wir können uns bemühen, stets in Liebe und Freude verankert zu sein. Den Geist auf das Liebevolle in uns zu lenken (anfängliche Hinwendung, vitakka) und dort zu verankern (anhaltende Hinwendung, vicara).
Im Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, wenn man noch nicht müde ist, können wir auf Liebe achten, was heiliges Verweilen heisst. (Karaniyamettasutta)
Wenn wir aus einem liebevollen Herzen heraus agieren, reagieren und sprechen, kann nur Heilsames daraus entstehen.
Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Entspringen reinem Geist dein Wort und deine Taten,
folgt das Glück dir nach, unfehlbar wie dein Schatten.
(Dhammapada 2)
Wir brauchen unsere Achtsamkeit nur darauf zu richten, dass unser Geist auf dem Liebevollen ruht. Dann werden vitakka und vicara automatisch für heilsame Rede sorgen.
Umgekehrt: indem wir auf die Bedingungen achten, aus denen heilsame Rede entsteht, arbeiten wir beständig daran, Gier, Hass und Verblendung nicht weiter zu nähren, sondern aufzulösen.

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