Der Körper
In der Regel sprechen wir nicht von einem Körper, sondern von unserem Körper. Wir identifizieren uns nämlich ausserordentlich stark mit dem Körper. Mein Körper soll so und so ausschauen, dies und jenes können und, ganz wichtig, keine Schmerzen verursachen. Wenn der Körper unserem Schönheitsideal entspricht, halten wir uns selbst für schön. Wenn er zu diesem und jenem fähig ist, halten wir uns für fähig. Wenn er Schmerzen verursacht, leiden wir. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Menschen, denen wir begegnen. Da wir den Körper für den Menschen halten, beurteilen wir Andere nach der Attraktivität und Kompetenz deren Körper.
Aber wir sind nicht unser Körper. Und er gehört uns auch nicht.
Bei der Zeugung werden uns zwei Zellen und ein genetischer Bauplan zur Verfügung gestellt. Wir haben absolut keinen Einfluss darauf, welche Form oder welche Funktionalität dieser Körper annehmen wird, der durch Hinzufügen von Nahrung, Wasser und Sauerstoff aufgebaut wird. Die Umwelt kann einen gewissen Einfluss darauf nehmen und mit zunehmendem Alter wir selbst ebenfalls. Wir können versuchen, ihm eine gewisse Form zu geben und seine vorhandenen Fähigkeiten auszubilden. Aber wir können nicht darüber bestimmen. Ein Mann mit einem hageren Körperbau im Bauplan kann trainieren wie er will, er wird nie ein Arnold Schwarzenegger. Eine athletische Figur ist in seinem Bauplan nicht vorgesehen.
Der Körper, der uns mitgegeben wurde, ist nicht unser Besitz, mit dem wir machen können was wir wollen. Er ist ein Vehikel, das uns durchs Leben transportiert. Wie ein Auto. Von A nach B. Von der Zeugung zum Tod.
Und es ist wirklich ein ganz erstaunliches Fahrzeug. Alles, was es an Treibstoff aufnimmt, wird fein säuberlich analysiert und sortiert. Nützliches wird eingesetzt und Schädliches wird ausgeschieden. Es kann sich sogar bis zu einem gewissen Grad vor Angriffen schützen und Defekte selbstständig reparieren!
Wir sind dafür verantwortlich es zu pflegen, damit es möglichst lange möglichst reibungslos funktioniert. Benzin nachzutanken, damit es fährt und Öl nachzufüllen, damit alles reibungslos funktioniert. Es hin und wieder zur Inspektion bringen. Und lernen, es in einer Weise zu benutzen, die keine unnötigen Schäden verursacht. Weder an unserem Vehikel noch an denen von anderen Lebewesen.
Es verfügt auch über ein „Armaturenbrett“, mit dem es uns über seine Bedürfnisse informiert. Die Tankanzeige, genannt „Hunger“, informiert uns, dass Treibstoff benötigt wird. Der Umdrehungsmesser, genannt „Puls“, warnt uns vor zu hoher Belastung. Eine ganze Reihe von akustischen Signalen, genannt „Schmerz“, weisen uns darauf hin, wenn etwas nicht stimmt und unsere Aufmerksamkeit benötigt. Es verfügt sogar über ein ausgeklügeltes System, genannt „Sinne“, mit dem es uns nicht nur über seine Belange informiert, sondern auch über alles, mit dem das Vehikel in Kontakt tritt.
Aber wird sind nicht dieses Vehikel. Es gehört uns auch nicht. Wir dürfen es nur benutzen.
Aber wer ist eigentlich dieses „Ich“, das den Körper durchs Leben steuern darf?
Der Geist
Es fällt uns in der Regel nicht sonderlich schwer zumindest intellektuell zu verstehen, dass wir nicht dieser Körper sind, sondern ihn nur benutzen.
Wir sind die Person, die in diesem Körper ist, angenehme und unangenehme Gefühle durch die Sinneskontakte erlebt und diese oder jene Entscheidung trifft.
Wirklich?
Tatsächlich befindet sich ein ganzes Sammelsurium von „Personen“ in diesem Gefährt. Geistige Strukturen wie Emotionen, Charaktereigenschaften, Überzeugungen, Vorlieben und Abneigungen tummeln sich auf der Rückbank und versuchen, den Kurs nach ihren Vorstellungen zu bestimmen. Das, was wir als „Ich“ empfinden, ist lediglich eine dieser Strukturen, nämlich die, die am Steuer sitzt und die Anordnungen von den Strukturen der Rückbank ausführt. Und den Kopf dafür herhalten muss.
Das ist wahrlich kein leichter Job. Die Strukturen auf der Rückbank sind durchaus nicht immer einer Meinung. Im Gegenteil. Sehr oft liegen sie im Streit miteinander und jede versucht, die anderen zu übertönen und ihren Kopf durchzusetzen. Manche greifen uns manchmal sogar ins Steuer und übernehmen die Kontrolle über das Fahrzeug. Bis sie merken, dass sie dieser Aufgabe gar nicht gewachsen sind und sich wieder auf die Rückbank verziehen.
Genau genommen sind wir mit einer Horde Kinder unterschiedlichen Alters und Reife unterwegs, die alle mehr oder weniger lautstark mitbestimmen wollen.
Wir neigen dazu, die Strukturen, mit denen wir nicht einverstanden sind, zu ignorieren oder ihnen den Mund zu verbieten. Manche würden wir am liebsten ganz loswerden, sie am Strassenrand aussetzen. Aber wir kriegen sie einfach nicht aus dem Auto raus. Also sperren wir sie im Kofferraum ein. So haben wir wenigstens unsere Ruhe. Wenn nur das ständige Gepolter aus dem Kofferraum nicht wäre.
Also drehen wir die Musik auf. Dann hören wir den Krach wenigstens nicht. Leider hören wir auch die anderen Strukturen auf der Rückbank nicht mehr so gut. Aber es geht gerade noch, um die nötigsten Instruktionen für die Fahrt zu bekommen.
Nachvollziehbarerweise versuchen die Strukturen im Kofferraum mit aller Kraft, wieder auf die Rückbank zu gelangen. Und es ist in der Regel lediglich eine Frage der Zeit, bis ihnen das gelingt. Nun sitzen nicht nur die Strukturen, die wir ja nicht mögen, wieder auf der Rückbank. Sondern sie sind auch stinkwütend. Und geben sich alle Mühe, es uns heimzuzahlen und uns das Leben schwer zu machen.
Wir versuchen in der Regel mit noch mehr Gewalt Herr dieser Strukturen zu werden, was nur noch mehr Gegengewalt auslöst.
Bis wir unter Umständen Hilfe bei Psychologen etc. suchen, um das emotionale Durcheinander wieder ins Lot zu bringen und den internen Kleinkrieg zu beenden.
Ich bin keine Psychologin und ich masse mir in keiner Hinsicht an, die Arbeit von Psychologen beurteilen zu können.
Ich schlage lediglich einen anderen Umgang mit den Strukturen vor. Einen anderen Umgangston.
Sie nicht zu ignorieren. Sondern zuzuhören. Das heisst ja noch nicht, dass wir ihre Vorschläge für die Fahrt umsetzen müssen. Wir können den „unvernünftigen“ Strukturen Raum auf der Rückbank geben, sie sehen und ihnen erlauben, sich auszudrücken. Ihnen den Arm um die Schultern zu legen, damit sie sich mit ihren Bedürfnissen verstanden und geborgen fühlen. Und trotzdem die Weisheit über die Route bestimmen lassen.
Statt: Halt den Mund, ich will davon nichts hören. Geh weg!
Könnte man fragen: Warum willst du das? Was brauchst du?
Wenn das eigentliche Bedürfnis hinter dem Geschrei erkannt ist, kollidiert es meistens gar nicht mit unseren Zielen und wir können nach heilsamen Wegen suchen, diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
Wir könnten die bereits eingesperrten Strukturen aus dem Kofferraum holen. Sie wieder auf die Rückbank einladen, sich bei ihnen entschuldigen und ihren Wutausbruch über die unsägliche Behandlung geduldig ertragen. Sie werden sich schon wieder beruhigen. Auch sie können nicht ewig wütend sein.
Wir könnten uns die Mühe machen und versuchen, die Strukturen alle kennenzulernen. Nicht nur die lauten. Auch die leisen, scheuen. Und könnten von ihrer Weisheit profitieren.
Keine dieser Strukturen will uns schaden (obwohl sie das oft genug tun). Im Gegenteil. Das gesamte Konglomerat, das wir „Geist“ nennen, ist ausschliesslich darauf ausgerichtet, uns vor Schaden zu bewahren und unser Überleben zu sichern. Nur verfehlen sie mit ihren erlernten Strategien manchmal das Ziel.
Keine dieser Strukturen existiert ohne Grund. Alle haben eine Ursache und alle erfüllen einen Zweck. Wenn wir die Ursache und den Zweck verstehen, können wir harmonisierende Massnahmen ergreifen. Doch dafür müssen wir ihnen Raum und Gehör verschaffen. Ihnen ein liebevoller, aufmerksamer Freund sein. Und hin und wieder auf der Rückbank nachfragen, ob noch alle da sind.
Wenn wir lernen, uns mit unseren Strukturen anzufreunden, ihnen zuzuhören und ihre Funktionsweisen zu verstehen, verstehen wir vielleicht irgendwann auch, was eigentlich die Funktion dieser Struktur ist, die wir als „Ich“ empfinden: eine ausbalancierte, harmonische und friedvolle Fahrt durchs Leben.

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