Dasa Parami – Die 10 Vollkommenheiten

Dana – Gebefreudigkeit

Wann immer der Buddha Laien eine Lehrrede hielt, begann er immer mit Dana, der Gebefreudigkeit.

Wenn von der Freude am Geben die Rede ist, denken wir erst mal an materielle Dinge. Wir kennen ja auch alle die Freude, wenn wir jemanden etwas schenken. Und die beschenkte Person sich hoffentlich auch freut.

Die Freude, jemandem etwas zu schenken, scheint tief in der menschlichen Natur verankert zu sein. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich als kleines Kind mit meinen beiden Brüdern darum gestritten hatte, wer dem Strassenmusikanten ein Geldstück in den Instrumentenkoffer legen durfte.                 Geiz scheinen wir erst im Laufe der Zeit zu lernen.

Um uns von Geld oder Dingen zu trennen, müssen wir unser Herz demjenigen gegenüber öffnen. Ein verschlossenes Herz sieht nun wirklich keinen Grund, jemandem etwas zu geben. Ein offenes Herz jedoch fliesst über und gibt, weil es ihm ein Bedürfnis ist zu teilen und jemandem eine Freude zu machen.

Und genau darum beginnt der spirituelle Weg mit der Gebefreudigkeit. Wenn wir unser Herz nicht öffnen können, ist kein Fortschritt möglich.

Wenn wir unser Herz noch nicht öffnen können, können wir es Schritt für Schritt üben. Wir üben es, indem wir Dinge verschenken, die uns leicht fallen. Wenn wir nicht vergessen, die Freude wahrzunehmen, die das Verschenken nach sich zieht, wird uns das Geben immer leichter fallen.  Und können uns immer grösseren Herausforderungen stellen.

Wenn es noch schwer fällt, können wir die Gelegenheit nutzen und beobachten, was an Unheilsamen in uns vorgeht und versuchen, es zu überwinden.  Übung macht den Meister!

Dinge sind natürlich nicht das Einzige, was wir geben können. Wir können anderen unser Wissen und Können zur Verfügung stellen. Wir können Zeit schenken, Aufmerksamkeit, Akzeptanz. Ein freundliches Lächeln. Eine liebevolle Berührung. Und wenn es nur die Türklinke ist, die wir liebevoll berühren.

Wir müssen uns nämlich nicht auf Menschen beschränken. Wir können jedem Objekt unserer Wahrnehmung mit der gleichen liebevollen Zuwendung begegnen.

Wir haben immer und überall die Gelegenheit, uns in liebevoller Gebefreudigkeit zu schulen.

Wenn wir uns bemühen, unser Herz aufs Hergeben statt aufs Bekommen auszurichten, führt uns die Gebefreudigkeit ganz natürlich zum nächsten Parami, der Tugend.

Sila – Tugend

Wenn wir unser Herz öffnen, was wir durch das Geben üben, werden wir ganz automatisch tugendhaft. Denn Tugend ist das Geschenk der Furchtlosigkeit.

Wir können anderen das Geschenk der Furchtlosigkeit machen, indem wir niemanden verletzen oder gar töten.

Wir können anderen das Geschenk der Furchtlosigkeit machen, indem wir nichts nehmen, was uns der andere gar nicht geben will.

Wir können anderen das Geschenk der Furchtlosigkeit machen, indem wir niemanden mit Worten verletzen oder die Zeit stehlen.

Wir können anderen das Geschenk der Furchtlosigkeit machen, indem wir mit unserer Sexualität verantwortlich und rücksichtsvoll umgehen.

Wir können anderen das Geschenk der Furchtlosigkeit machen, indem wir auf berauschende Substanzen wie Alkohol und Drogen verzichten. Nur zu schnell verlieren wir im Rausch die Beherrschung, verschliessen unser Herz vor anderen und nehmen uns rücksichtslos, wonach uns gerade der Sinn steht.

Indem wir die Gebefreudigkeit auf das Geschenk der Furchtlosigkeit ausweiten, üben wir uns ganz automatisch im Verzichten.

Nekkhamma – Verzicht

Wenn wir Dinge verschenken oder uns in der Tugend üben, kommen wir nicht darum herum, auf Dinge zu verzichten.

Wir verzichten auf das, was wir verschenken.

Wir verzichten darauf, anderen weh zu tun. Selbst wenn diese uns weh getan haben.

Wir verzichten auf das, was andere uns nicht geben wollen.

Wir verzichten darauf, recht zu behalten, unser Ego zu bestätigen oder andere mit Worten zu täuschen oder zu verletzen.

Wir verzichten darauf, unserem Verlangen nachzugeben, wenn die begehrte Person unser Verlangen nicht erwidert oder die Situation es nicht zulässt.

Und wir verzichten darauf, uns vernebeln zu lassen.

Wir verzichten darauf, uns unheilsam zu verhalten, ungeachtet dessen, wie unheilsam andere sich verhalten mögen,

Je mehr wir uns zu Gunsten anderer im Verzichten üben, umso mehr erkennen wir, um wie viel leichter und angenehmer wir uns dadurch fühlen. Weisheit entsteht.

Pañña – Weisheit

Weisheit ist zu erkennen, wie wir uns ständig selber unglücklich machen. Und damit aufzuhören.

Indem wir auf manche unserer Wünsche verzichten, weil sie mit den Wünschen anderer kollidieren oder uns schaden, können wir erkennen, wie unglaublich befreiend es sich anfühlt, wenn wir unseren Widerstand gegen den Verzicht aufgeben und den Wunsch tatsächlich loslassen können. Oder eben auch, wie eng und verschlossen es sich anfühlt, wenn wir etwas gar nicht oder nur mit Widerwillen loslassen.

Wenn wir uns nicht in Rechtfertigungen oder Schuldgefühlen verstricken, sondern einfach nur beobachten, wie wir uns bei welchem Verhalten fühlen, lernen wir, was uns wirklich gut tut. Und lassen den Widerstand, der so viel Leid verursacht und uns so viel Kraft kostet, los.

Viriya – Energie

Wir denken oft, unheilsame Strukturen wie Widerstand oder Zorn würden viel Energie freisetzen. Das stimmt so aber nicht.

Starke Emotionen können unsere Energiereserven mobilisieren, das ist richtig. Wir spüren die freigesetzte Energie und fühlen uns stark und energiegeladen. Aber wir betreiben Raubbau und verprassen unsere Energie. Ohne zu realisieren, wie viel Energie  uns das tatsächlich gekostet hat.

Wenn die heftigen Emotionen verflogen sind, und der Schwung der freigesetzten Energie allmählich abebbt, stellen wir fest, dass wir uns nur energiegeladen und „lebendig“ fühlen, wenn wir starke Emotionen erleben. Wenn wir wieder „normal“ sind, fühlen wir uns ausgelaugt und schlapp. Und machen unseren Normalzustand dafür verantwortlich. Also versuchen wir wieder starke Emotionen zu erzeugen, um Energie zu bekommen.

Und unsere Energiereserven werden durch diesen Raubbau kleiner und kleiner.

Wenn wir das durch Weisheit erkennen, können wir uns darin üben, damit aufzuhören. So können sich unsere Energiereserven schonen und wieder auffüllen. Und da wir unsere „reguläre“ Energie nicht ständig an Widerstand oder andere unheilsame Strukturen verfüttern, steht uns plötzlich ein ungeahntes Ausmass zur Verfügung. Energie, die wir nutzbringend verwenden können. Zum Beispiel, um noch vorhandene unheilsame Strukturen erkennen und überwinden zu lernen. Dafür braucht es Geduld.

Khanti – Geduld

Geduld kommt von erdulden, also etwas ertragen zu können. Etwas tragen kostet Kraft. Je schwerer das wiegt, was wir tragen, umso mehr Kraft benötigen wir.

Je mehr wir Widerstand und energieverschlingende Emotionen loslassen können, umso mehr Energie steht uns zur Verfügung. Die verleiht uns die Kraft, unsere noch vorhandenen unheilsamen Strukturen und unsere Unzulänglichkeiten zu erkennen, zu beobachten und zu ertragen, wenn sie sich nicht so schnell auflösen wollen, wie wir das gerne hätten.

Wenn wir die Kraft haben, unsere eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler zu ertragen, dann können wir das auch bei anderen. Wir verbringen mit anderen ja längst nicht so viel Zeit wie mit uns selbst. Da wir anderen erlauben können, zu sein wie sie eben nun mal sind, entspannen sich unsere Beziehungen.

Da wir die Kraft und Geduld haben, uns selbst so zu ertragen, wie wir eben sind, können wir wirklich wahrhaftig sein.

Sacca – Wahrhaftigkeit

Wir alle wollen geliebt und akzeptiert werden. Nichts schmerzt so sehr, wie abgelehnt und ausgeschlossen zu werden.

Wir haben alle gelernt, unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten so gut wir können vor anderen zu verbergen und uns im bestmöglichen Licht darzustellen.

Auch vor uns selbst wollen wir so gut wie möglich dastehen.

Das sorgt dafür, dass wir anderen und vor allem auch uns selbst häufig etwas vormachen. Uns besser darstellen als wir sind. Unsere Schwächen verbergen oder als Stärken präsentieren.

Nicht nur anderen gegenüber, sondern auch uns selbst. Wir sind darin so gut, dass wir es nicht einmal mehr merken. Was Veränderung unmöglich macht.

Wenn wir unsere Unzulänglichkeiten jedoch ertragen können, dann können wir dazu stehen, wie wir sind. Das heisst nicht, dass wir unsere Schwächen wie ein Banner vor uns her tragen müssen und hemmungslos ausagieren sollten. Aber wir wissen um unsere Schwächen und können sie beobachten. Während wir uns bemühen, die aufzulösen, können wir darauf achten, zumindest möglichst keinen Schaden anzurichten. Dafür braucht es Entschlusskraft.

Adhitthana – Entschlusskraft

Wir alle kennen die guten Vorsätze an Neujahr. Und ihre sehr begrenzte Lebenserwartung. Warum schaffen wir es nicht, unsere Vorsätze fürs neue Jahr umzusetzen? Fehlt es uns an Entschlusskraft? Eher nicht.

Es fehlt an der Wahrhaftigkeit, unsere Unzulänglichkeiten zu betrachten.

Es fehlt an Geduld, schwierige Zeiten zu ertragen.

Es fehlt an Energie, die eigene Trägheit zu überwinden.

Es fehlt an Weisheit, wie sehr uns das schadet.

Es fehlt an der Bereitschaft zu verzichten.

Uns fehlt ein offenes Herz, uns und anderen gegenüber.

Da wir nun dabei sind, all diese Eigenschaften zu entwickeln, bekommt unser Entschluss die Kraft, um den Vorsatz auch  umzusetzen. Egal, wie lange es dauert. Wir bleiben dran und arbeiten konsequent daran, erkannten unheilsamen Strukturen nicht nachzugeben, sondern sie nach und nach zu überwinden

Je mehr Widerstand und Ablehnung wir überwunden haben, umso mehr kommt zum Vorschein, was sie verdeckt haben.

Metta – Wohlwollen

„Im Überwinden von Hass, ihr Mönche, besteht ja eben das gemütserlösende Wohlwollen, Metta.“

Unter Hass verstand der Buddha jede noch so kleine Regung von Nicht-haben-wollen.

Je mehr wir also unseren ganzen Widerwillen gegen das Hergeben, gegen Verzicht und gegen Anstrengung überwinden können, um so mehr Wohlwollen finden wir in unserem Herzen.

Wohlwollen ist so ein schönes Wort.

Ich möchte, dass dir wohl ist.

Ich möchte, dass mir wohl ist.

Dieser Wunsch nach Wohlsein fühlt sich so wohlig an.

Weil wir ja alles losgelassen haben, was diesem Wohlsein im Weg stand.

Wenn wir verstanden haben, dass dieses Wohlsein durch Verzicht, durch Loslassen entstanden ist, dann kommen wir vielleicht auf die Idee, auch diesen Wunsch nach Wohlsein loszulassen.

Upekkha – Gleichmut

„Im Überwinden von Begehren, ihr Mönche, besteht ja eben der gemütserlösende Gleichmut, Upekkha.“

Wenn wir selbst das Haben-wollen von Wohlsein loslassen können, dann empfinden wir Gleichmut. Egal, was uns an Angenehmem oder Unangenehmem begegnet, innerlich oder äusserlich, wir betrachten es einfach nur in vollkommenem Frieden und akzeptieren es, wie es ist.

Wenn wir alles annehmen können, uns vor nichts Unangenehmen mehr fürchten, wird unser Wohlwollen vollkommen rein, ohne Hintergedanken um unser eigenes Wohlbefinden. Unsere Entschlusskraft wird unerschütterlich und unsere Wahrhaftigkeit ungetrübt. Unsere Geduld wird unendlich, weil wir die Unzulänglichkeiten liebevoll tragen können, statt sie ertragen zu müssen, und unsere Energie beinahe unerschöpflich. Durch die gewonnene Weisheit wird Loslassen zu unserer Natur und unsere Silas vollkommen rein. Unsere Grosszügigkeit allem und jedem gegenüber ist frei von jeglicher Selbstsucht.

Jedem Menschen, jedem Wesen, jedem Gegenstand, jedem gegenwärtigen Augenblick begegnen wir mit derselben liebevollen Hingabe, die allem und jedem erlaubt zu sein, wie es eben ist.

So führt ein Parami zur Entwicklung des nächsten und rückwärts zu Vervollkommnung und Reinheit des vorhergehenden.

Der Beginn des Weges der Paramis ist zugleich auch sein Ziel.

Die Grosszügigkeit des Herzens so zu entwickeln, dass es nichts anderes mehr empfinden kann.

Eine Antwort zu „Dasa Parami – Die 10 Vollkommenheiten“

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