„Wenn man sieht wie auf der Straße oder beim Einkauf Eltern ihr Kind ungerecht behandeln oder man einen Beziehungsstreit bzw. -problemen anderer mitbekommt, und seien es die Nachbarn, in wie weit habe ich als Buddhist das Recht oder gar die „Pflicht“ mich in Angelegenheiten anderer einzumischen?„
Das ist eine sehr gute Frage und auch gar nicht so leicht zu beantworten.
Der Buddha hat die Ethikregeln negativ formuliert. Er sagte uns nicht, was wir tun sollen, sondern was wir nicht tun sollen. Vermeide es, Lebewesen zu töten. Vermeide es, zu stehlen. Vermeide es, in Beziehungen anderer einzubrechen oder sexuell zu schaden. Vermeide es, zu lügen, grob und verletzend zu sprechen, tratsche und plappere nicht. Lass die Finger von Alkohol und Drogen.
Das hat seinen Grund. Es gibt ein niederländisches Sprichwort: Barmherzigkeit gegenüber den Wölfen ist Grausamkeit gegenüber den Schafen. Ich finde, das bringt die Problematik gut auf den Punkt. Wenn wir uns zum Beispiel bei der ersten Tugendregel aktiv um das Wohlergehen aller Wesen bemühen wollten, stehen wir schnell vor dem Problem, dass wir dem einen schaden, wenn wir dem anderen helfen. Neulich hat mich eine Zecke gebissen. Sass mitten auf meinem Bauch und schlug sich ihren Bauch voll. Sie war mit Sicherheit noch nicht lange bei ihrer Mahlzeit, ihr Bauch war noch leer. Ich griff sie vorsichtig und versuchte sie raus zu ziehen. Ohne Erfolg, sie klammerte sich fest. Ich griff etwas fester und zog mit mehr Kraft. Sie wollte ihre Mahlzeit immer noch nicht hergeben. Ich griff noch etwas fester und konnte sie herausziehen. Ein Glück, der Kopf war noch dran. Ich wollte sie ja nicht töten. Alles gut.
Wirklich? War es nicht ungerecht und grausam von mir, einem hungrigen Wesen mit Gewalt die Mahlzeit zu entreißen? Aus Sicht der Zecke mit Sicherheit.
Sobald man genauer hin schaut, merkt man, wie schwierig, ja unmöglich es ist, den Wesen und den Umständen gerecht zu werden. Was ist gerecht? Was ist ungerecht? Was ist gut, was ist schlecht?
Es gibt eine schöne Geschichte aus dem Indianischen. Ein Mann besaß zwei Pferde, eine Stute und einen Hengst. Eines Tages lief der Hengst davon und seine Freunde klagten: Oh weh, was für ein Pech! Der Mann antwortete: Pech, Glück, wer weiß das schon.
Drei Tage später kehrte der Hengst mit einer wilden Stutenherde zurück und seine Freunde riefen: Oh welch Glück! Wieder sagte der Mann: Pech, Glück, wer weiß das schon.
Als der Sohn des Mannes die Stuten zureiten wollte, wurde er abgeworfen und brach sich ein Bein. Wieder klagten die Freunde, und wieder blieb der Mann gleichmütig.
Bald darauf zog der Häuptling in einen Krieg und rief alle jungen Männer zu den Waffen. Der Sohn des Mannes wurde verschont, sein Bein war ja gebrochen. Glück, Pech, wer weiß das schon.
Von wem kennen wir denn schon die genauen Umstände? Die Vorgeschichte? Wie wollen wir beurteilen, ob Eltern ihr Kind ungerecht behandeln? Wer in einem Beziehungsstreit recht hat? Mit größter Wahrscheinlichkeit werden einfach Meinungen aufeinander prallen und noch mehr Streit in die Welt gesetzt. Besserwisser gibt es zuhauf. Neulich las ich folgenden ironischen Spruch: Wenn du nicht weißt, wie du dein Kind erziehen sollst, frag Leute ohne Kinder. Die wissen das.
In MN21 hatte ein Mönch sehr viel Umgang mit Nonnen und regte sich immer furchtbar auf, wenn über die Nonnen schlecht gesprochen wurde. Der Buddha rügte ihn deswegen sehr und wies ihn an, Gleichmut zu entwickeln. Selbst wenn er mit einer Säge grausam in Stücke geschnitten würde, sollte er keinen Unmut entwickeln. Erst recht nicht, wenn es lediglich um Worte geht, die einem nicht zusagen.
Das war für mich immer sehr schwierig. Wenn jemand zu mir gemein ist, OK. Aber wenn jemand zu meinen Freunden etc gemein ist oder sie verleumdet, dann muss ich die doch verteidigen.
Um jemanden zu verteidigen, muss man Partei ergreifen. Dieser hat recht, jener hat unrecht. Und schon geht der Streit los.
Raushalten. Sich nicht einmischen. So schwer!
Doch wegschauen? Nichts damit zu tun haben wollen? Kann das richtig sein? Wenn ein Kind auffällig häufig blaue Flecken oder Verletzungen hat? Wenn jemand überfallen wird?
Ich denke, der mittlere Weg verläuft mal wieder zwischen (es besser wissen und sich einmischen) wollen und nicht-wollen (von Ärger oder Unannehmlichkeiten).
Wird unsere Hilfe benötigt, weil sonst jemand ernsthaft zu Schaden kommt? Dann sollte man handeln, wenn man kann.
Können wir mit Rat und Tat behilflich sein? Dann mit viel Vorsicht und Fingerspitzengefühl erforschen, ob das überhaupt erwünscht ist.
Und wenn nicht? Raushalten. Nicht einmischen.
Es gibt acht Milliarden Menschen mit ebenso vielen Ansichten und jeder ist der Meinung, er hätte recht. Die Mutter mit ihrem Kind ist der Ansicht, sie hätte recht. Die streitenden Partner denken das auch. Noch jemanden mit der Ansicht braucht es nicht.
Wir können aber mit einem Herz voll Mitgefühl hinschauen, statt Augen, Ohren und Herz zu verschließen. Das Leid der Beteiligten erkennen. Es ist nicht leicht, Mensch zu sein! Ein freundliches, verständnisvolles Lächeln verschenken. Vielleicht ist dann jemand bereit, etwas Balsam für die Wunden anzunehmen. Manchmal ist etwas Verständnis für die Schwierigkeiten bereits alles, was es braucht um eine Situation zu entspannen.
Und manchmal kann man einfach nichts tun und muss lernen, das auszuhalten.

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