Auszug aus Mahasatipatthanasutta DN22:
Außerdem, ihr Mönche, beim Hingehen und Zurückkommen ist er sich seines Tuns klarbewusst, beim Hinblicken und Wegblicken ist er sich seines Tuns klarbewusst, beim Beugen und Strecken ist er sich seines Tuns klarbewusst, beim Tragen seines Schultertuchs, seiner Almosenschale, seiner Robe ist er sich seines Tuns klarbewusst, beim Essen, Trinken, Kauen, Schmecken, Schlucken ist er sich seines Tuns klarbewusst, beim Entleeren von Kot und Urin ist er sich seines Tuns klarbewusst, wenn er geht, steht, sitzt, (ein)schläft, wacht, spricht, schweigt ist er sich seines Tuns klarbewusst.
Wie aus der Mahasatipatthanasutta sehr schön ersichtlich ist, beschränkt sich die Einsichtsmeditation keineswegs nur auf das Meditationskissen. In jeder nur denkbaren Situation kann Achtsamkeit praktiziert werden.
Nun ist es im weltlichen (und auch im klösterlichen) Alltag beileibe nicht immer so leicht, die dafür nötige Ruhe und Langsamkeit zu finden. Nur zu häufig sind wir in Gedanken schon beim nächsten Punkt unserer Todo-Liste und eilen von Aufgabe zu Aufgabe.
Bei den Mahlzeiten allerdings haben wir täglich mehrere Zeiten, in denen wir für eine halbe oder volle Stunde nichts weiter zu tun haben als zu essen. Wenn wir diese Zeiten nutzen, können wir mühelos unsere tägliche Praxis um mehrere Stunden erweitern, ohne dass wir uns diese Meditationszeit irgendwie freischaufeln müssen.
Wenn wir essen, nehmen wir in der Regel nur gerade die ersten Bissen bewusst wahr. Nachdem wir festgestellt haben, ob das Essen schmeckt oder nicht, sind wir mit den Gedanken bereits wieder anderswo. Noch während wir kauen, bereiten wir schon den nächsten Bissen vor, so dass wir nach dem Hinunterschlucken gleich den nächsten Happen nachschieben können. Weder haben wir das Kauen, Schmecken und Hinunterschlucken klarbewusst erlebt noch das Vorbereiten des nächsten Bissens.
Es scheint, als müsste stets sofort Bissen um Bissen nachgeliefert zu werden, um das unvermeidliche Ende jedes Bissens nicht erleben zu müssen. Wir wissen zwar, dass alles zu einem Ende kommt. Aber wir möchten es nicht erleben. Wir möchten nicht erleben, wie das Sinneserleben des Schmeckens zu Ende geht und eine Leere hinterlässt. Der Geschmack ist ausgekaut, was übrig bleibt, muss heruntergeschluckt werden und der Mund wird leer. Das wollen wir aber nicht erleben. Sobald das Ende des Geschmackserlebnisses absehbar wird, wenden wir unsere Aufmerksamkeit von dem unangenehm werdenden Erleben ab und dem Greifen nach dem nächsten Happen zu, der uns mit Vorfreude auf das zu erwartende Geschmackserlebnis erfüllt. Da wir nicht zwei Dinge gleichzeitig erleben können, wird das unangenehm gewordene Erleben durch die Erwartung des zukünftigen Erleben ersetzt.
Indem wir uns untersagen zwei Dinge gleichzeitig zu tun, und das benennen, was wir tatsächlich gerade tun, haben wir bei jedem Bissen die wertvolle Gelegenheit, unsere Abneigung gegen die Vergänglichkeit zu betrachten und loszulassen. Durch das Benennen merken wir sehr schnell, wie stark die Automatismen sind und wie schwer wir uns damit tun, aus ihnen herauszukommen und wirklich achtsam jeden gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen.
Statt uns von unseren Automatismen frustrieren zu lassen, erkennen wir, dass wir offensichtlich noch nicht genug geübt haben. Das Mitgefühl für uns selbst spornt uns an weiter zu üben. Mit zunehmender Übung werden wir immer achtsamer und unser Erleben wird immer bewusster.
Es gelingt uns immer besser, Vorgänge wirklich von Anfang bis zum Ende zu betrachten. Die Mitfreude für uns selbst für unsere Fortschritte beflügelt unsere Bemühungen um Achtsamkeit. Da wir täglich ein, zwei, vielleicht sogar drei Stunden der reinen Achtsamkeitspraxis widmen, gelingt es uns mit der Zeit, auch in schnelleren, hektischeren Situationen die klarbewusste Achtsamkeit zu bewahren.
Und wenn nicht – nun, dann haben wir eben einfach noch nicht genug geübt. Gehen wir’s an!

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