Wer sich mit Buddhismus und Meditation beschäftigt, stößt bald einmal auf Mara, den Bösen. Was auch immer uns an Schwierigkeiten und Hindernissen begegnet, Mara ist daran schuld. Wer ist Mara? Und warum tut er uns das an? Warum tut er, was er tut, was treibt ihn an?
Wir christlich geprägten Westler kennen das Konzept des Teufels. Ein Dämon der uns zum Bösen verführen will und uns damit in sein Reich und somit in seine Gewalt locken will.
Nun begegnen wir dem Konzept „Mara“ und ersetzen das Wort „Teufel“ einfach durch das Wort „Mara“. Mara ist also ein Dämon, der uns in sein Reich, in untermenschliche Existenz locken will.
Das stimmt nur überhaupt nicht. Weder ist Mara ein Dämon, noch will er uns in höllische Existenzen locken.
Wer ist Mara?
Es gibt drei Daseinsbereiche. Kāmaloka, den Bereich der sinnlichen Genüsse, rūpaloka, den Bereich, in dem die sinnlichen Genüsse überwunden ist, aber noch ein Körper vorhanden ist, und arūpaloka, den unkörperlichen Bereich.
Kamaloka ist der größte Bereich, der 11 Daseinsbereiche umfasst: den Bereich der Höllenwelten, der Hungergeister, der Tiere, der Menschen, der Erdgötter, der vier Großkönige, der Götter der Dreiunddreißig, der zu Yama gehörende Götter, der Tusitagötter, der Götter, die sich am eigenen Erschafften erfreuen und der Götter, die sich am Erschafften anderer erfreuen.
Darüber befinden sich die Brahmawelten, in die die Praxis der Brahmaviharas sowie der ersten vier Jhanas führt. Die anderen Jhanas, fünf bis acht, führen in die arupaloka, in die körperlosen Bereiche.
Maras sind die Götter des obersten Bereichs der kamaloka, direkt unterhalb der Brahmawelten. Sie erfreuen sich am Erschafften anderer. Und genau das ist es, weshalb wir bei unserem Versuch, dem Kreislauf der Geburten zu entkommen, ihnen ins Gehege kommen.
Mara will uns grundsätzlich nichts Böses. Mara will, dass wir erschaffen. Er erfreut sich ja am Erschafften anderer. Davon lebt er. Er ernährt sich sozusagen von der Freude über unser Erschafftes.
Und was ist dieses Erschaffte, an dem er sich erfreut?
Es ist unsere Kreativität.
Wir erschaffen Gedanken: geistige Bilder und Geschichten. Vielleicht manifestieren wir diese Gedanken sogar: wir malen Bilder, erschaffen Statuen, teilen unsere Gedanken anderen mit, schreiben Gedichte oder Theaterstücke, vertonen sogar die Gedanken.
Wir erschaffen Emotionen: wir erleben etwas, das uns gefällt, und freuen uns darüber. Wir erleben etwas, das uns nicht gefällt, und sind traurig oder wütend darüber. Auch Emotionen können wir manifestieren: wir drücken sie durch Worte oder Bilder, Musik oder Tanz aus.
Wir haben auch die Fähigkeit, die Erzeugnisse anderer zu genießen: wir sehen uns Bilder, Theaterstücke oder Filme an, hören Musik, sehen uns Tänze an, lesen Bücher und erfreuen uns an dem, was uns unsere Sinne liefern: am Gesehenen, am Gehörten, am Geschmeckten und Gerochenen, am Gefühlten und vor allem am Gedachten. Und Mara freut sich mit. Je intensiver, um so besser.
Mara kann sich auch an den unangenehmen Emotionen erfreuen. Manchmal suhlen wir uns regelrecht im Selbstmitleid, meinen, zu recht wütend zu sein oder wollen aus der Traurigkeit gar nicht heraus kommen. In meinen Zwanzigern liebte ich einen Song, in dem folgende Zeile vorkommt: manchmal muss ich leiden, um zu spüren, dass ich lebe. Wenn wir die Wahl haben, nichts zu spüren oder zu leiden, so entscheiden wir uns fürs Leiden. Immer noch besser, schmerzhafte Gefühle zu erleben als gar keine. Nichts ist für uns so unerträglich wie nichts zu fühlen. Wieso eigentlich?
Weil wir Mara nicht füttern. Und das mag er gar nicht! Also tut er alles in seiner Macht stehende, um uns dazu zu verleiten, ihn zu füttern.
„Diese Musik ist so herzöffnend! “ Mmh, lecker!
„Das berührt mich so!“ Yammi!
„Da geht mir das Herz auf!“ Wunderbar, mehr davon!
Er ist sehr überzeugend, wenn es darum geht, uns die Sinne schmackhaft zu machen.
Was ist denn schlimm daran, die wunderschöne Natur zu schätzen, gutes, liebevoll gekochtes Essen zu genießen, schöner Musik zu lauschen oder aus dem eigenen Herzen fließen zu lassen? Was soll denn falsch daran sein, sich kreativ auszudrücken und schöpferisch tätig zu sein?
Nichts. Aber wir füttern Mara. Und unsere Anhaftung an Samsara, nur so nebenbei erwähnt.
Außerdem birgt alles Positive bereits den Samen des Negativen in sich. Natürlich auch anders herum.
Im taoistischen YinYang-Symbol ist das sehr schön ersichtlich: im weiss ist bereits ein Pünktchen schwarz enthalten und im schwarz bereits ein Pünktchen weiss.
Im Glück, in der Freude ist bereits der Samen des Leids gelegt, der Trauer.
Die Musik ist zu Ende. Was mich einst berührt hat, lässt mich heute kalt. Ach, würde mich doch wieder etwas so berühren, wie mich das damals berührt hatte!
Die Dinge werden unerträglich, wenn sie zu lange dauern. Das Lieblingslied hängt irgendwann zum Halse heraus, wenn wir es Tag für Tag, Monat für Monat hören. Das Gleiche gilt fürs Lieblingsessen. Den Lieblingsduft. Irgendwann kann man die Dinge einfach nicht mehr sehen.
Dann muss etwas Neues her. Ein neues Lieblingslied. Eines, das mir so gefällt, wie mir das andere Lieblingslied gefallen hatte, bis ich seiner überdrüssig wurde.
Doch das finden wir längst nicht immer. Und schon gar nicht so schnell, wie wir das gerne hätten. Bei der Suche geraten wir vielleicht in Konflikt mit anderen Suchenden auf deren Jagd nach dem nächsten Lieblingsding. Wir sind unglücklich, voll unerfüllter Sehnsucht und ärgern uns, wenn andere unserer Suche im Wege stehen oder uns bei deren Suche schaden.
Egal, wie viel heilsames Karma wir auch schaffen: jegliche Existenz ist vergänglich, leidhaft und entzieht sich unserer Kontrolle. Solange wir existieren, leiden wir. Wir können tun und lassen was wir wollen, wir können nichts daran ändern.
Mara ist das egal. Er erfreut sich an unseren negativen Gedanken und negativen Emotionen, an unserem negativ Erschaffenen genauso wie an unserem positiv Erschaffenen.
Solange wir im Geburtenkreislauf kreisen und Gedanken und Emotionen kreieren und ausdrücken, ist aus seiner Sicht alles bestens. Er ist wohl versorgt.
Hier in der Metta Vihara wird mit viel Liebe und Hingabe ein Garten mit Gemüse und Blumen gepflegt.
Wem gilt diese Liebe, diese Hingabe? Wenn wir genau hinschauen, so gilt diese Liebe und Hingabe nicht den Pflanzen, sondern unserem sinnlichen Erleben. Wir erfreuen uns an den schönen Blüten, am Summen der Insekten, an den Düften der Kräuter, an dem schönen, gesunden Gemüse, das uns nähren wird. Das Wohlergehen der Pflanzen kümmert uns nur hinsichtlich des Nutzens, die sie für unsere Sinne haben. Hätten wir wirklich Wohlwollen, Mitgefühl und Mitfreude für sie, wären wir gar nicht imstande sie zu ernten.
Genau wie wir unseren Blumen- und Gemüsegarten pflegen, um uns daran zu erfreuen, genauso pflegt Mara uns. Wir sind sein Lustgarten, der ihn erfreuen soll.
Mit Wohlwollen, Metta, hat er nichts am Hut. Das Wohlergehen der Wesen ist ihm egal. Hauptsache, sie erschaffen.
Mitgefühl, Karuna, ist ihm ebenso unbekannt. Wenn die Wesen Leiden erschaffen, ist ihm das auch recht.
Man könnte denken, Mitfreude, Mudita, wäre sein Ding. Er erfreut sich ja an unserem Glück. Er erfreut sich aber nicht an unserem Glück, sondern an unserem Erschaffenen. Auch von Mitfreude hat er keine Ahnung.
Von Gleichmut natürlich erst recht nicht.
Die vier Brahmaviharas führen in die Brahmawelten, oberhalb von Maras Einflussgebiet. Wie sollte er etwas verstehen, das über seinen Horizont geht?
Deshalb sind wir vor ihm sicher, wenn wir in den Brahmaviharas verweilen. Wir füttern ihn nicht, da er damit nichts anfangen kann.
Doch wann sind wir schon wirklich in reinen Brahmaviharas? Verwechseln wir Wohlwollen nicht mit der Emotion Liebe? Mitgefühl mit Mitleid? Oder vermischen sie? Wie weit sind wir überhaupt in der Lage, reine göttliche Verweilstätten zu erkennen? Die Brahmas sind außerordentlich hohe Götter. Denken wir wirklich, unsere Vorstellungen von Metta etc. entsprechen tatsächlich solch hohen göttlichen Zuständen?
Und falls ja, wie oft können wir das? Und für wie lange?
Gibt es keine sicherere Art, sich vor Mara und seinem Hunger zu schützen?
Doch, gibt es!
Wir gehen Buddhas mittleren Weg.
Vermeiden „Oh wie schön!“ und „Oh wie schrecklich!“.
Vermeiden Gedanken, indem wir einfach ganz sachlich benennen, was wir gerade tun. Wenn wir gehen, benennen wir „gehen“, solange wir gehen. Wenn wir stehen, „stehen“. „Sitzen“ wenn wir sitzen und „liegen“, wenn wir liegen. „Spülen“ beim spülen, „saugen“ beim saugen, „kauen“ beim kauen und „schlucken beim schlucken. Beim Sehen „sehen“, beim Hören „hören“ und beim Denken „denken“.
Was wir sehen hören, riechen, schmecken, empfinden oder denken ist völlig irrelevant. Wir benennen einfach, was wir gerade tatsächlich tun. Das ist nicht sehr viel. Wir haben ein beschränktes Mass an Bewegungen, die wir ausführen und ein beschränktes Mass an Sinneseindrücken, die wir empfangen können. Ist es uns nicht gelungen, Gedanken von unseren Geist fernzuhalten, so haben wir auch ein beschränktes Mass an Emotionen, die wir ebenfalls einfach benennen können, wenn sie in unser Erleben treten.
Das ist kein bisschen aufregend. Im Gegenteil. Mara langweilt sich zu Tode. Kein „so schön!“, kein „so furchtbar!“
Und wenn wir es vermeiden können, in ein „so langweilig!“ auszubrechen, weil wir verstehen, wem wir gerade die Nahrung entziehen und warum, schleichen wir uns klammheimlich aus Samsara heraus. Denn dieses sich an den Dingen erfreuen ist eben jenes Anhaften, das uns im Kreislauf der Wiedergeburten hält.
Das heißt jedoch nicht, dass wir uns an gar nichts erfreuen können. Wie oben kurz erwähnt, führen die ersten vier Jhanas in die Brahmabereiche. Das dort erlebte Glück liegt jenseits der Sinne, weshalb es Maras Horizont übersteigt. Wenn es uns gelingt, die Sinne tatsächlich los zu lassen, die Sinne einfach Sinne sein zu lassen, ohne sich daran zu erfreuen oder darunter zu leiden, dann verlässt unser Geist Maras Reich, wird für ihn unsichtbar. Wir können uns immer wieder eine Pause in den Jhanas gönnen und uns erholen, wenn wir vom reinen Beobachten unseres Erlebens erschöpft sind.
Und wenn wir die Jhanas (noch) nicht können? Dann erfreuen wir uns daran, dass wir Mara nicht gefüttert haben, wann immer uns das gelungen ist und dass wir uns darum bemühen, besser zu sein als er und das Anhaften an den Sinnendingen zu überwinden. Jedes Mal, wenn Mara versucht, uns zu Ablenkungen zu verführen, können wir, statt gegen die Versuchung anzukämpfen, ihn und das Spiel, das er spielt, erkennen. Ohne ihn abzulehnen, weil wir seine Beweggründe verstehen und nachvollziehen können, lächeln wir ihm freundlich zu – und spielen nicht mit. So hilft uns Mara sogar dabei, unsere Achtsamkeit zu schärfen und uns von den Sinnesvergnügen zu entwöhnen. Wenn das kein Grund zur Freude ist!

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