Wie würde Buddha heute lehren?

Neulich wurde ich gefragt, wie Buddha seine Lehre formuliert hätte, wenn er heute leben würde. Welche Konzepte wären heute noch Teil seiner Lehre, wie hätte er die Sangha strukturiert, was hätte er zu den heutigen Lebensthemen gesagt?

Nun, als noch unerleuchtete Nonne bin ich bestimmt nicht in der Lage, mich in den Buddha hinein zu versetzen. Das würde ich lieber einer Arahanta, einer Erleuchteten überlassen. Die wahrscheinlich nichts dazu sagen würde.

Trotzdem möchte ich versuchen, mit meinem naturgemäß begrenzten Verständnis auf die Fragen einzugehen.

Was der Buddha heute lehren würde.

In den ersten Lehrreden erläutert der Buddha die Lösung der menschlichen Existenz äusserst klar und ohne jeglichen kulturellen Kontext. Ich versuche, es mit etwas “zeitgemäßeren” Worten auszudrücken:

In der ersten Lehrrede S56.11 erklärt er den Weg, der zur Befreiung vom Leiden führt. Und zwar ist dies der mittlere Weg, der zwischen wollen und nicht-wollen verläuft, nämlich der edle achtfache Pfad, bestehend aus Ethik, Erziehung des Geistes und Weisheit.

Er erkannte die erste edle Wahrheit, von der bis dahin noch keiner etwas gewusst hatte. Wir leiden. Alle.

Wir erleben Angst, Trauer, Kummer, Schmerz und Verzweiflung. Geburt/Entstehen ist leidvoll. Altern/Veränderung ist leidvoll. Tod/Auflösung ist leidvoll. Verlieren, was man liebt, ist leidvoll. Bekommen, was man fürchtet ist leidvoll. Nicht bekommen, was man sich wünscht, ist leidvoll. Die Teile, aus denen wir bestehen, sind leidvoll.

Er erkannte die zweite edle Wahrheit, von der bis dahin noch keiner etwas gewusst hatte. Das Leiden hat eine Ursache. Nämlich unser Verlangen. 

Unser Verlangen nach Sinneskontakten. Vorzugsweise angenehme. Aber selbst unangenehme Sinneskontakte sind immer noch besser als gar keine. 

Unser Verlangen, zu sein, zu werden. Etwas zu sein, etwas zu werden. Jemand zu sein, jemand zu werden.

Und unser Verlangen, nicht zu sein, nicht zu werden. Etwas nicht zu sein, etwas nicht zu werden. Jemand nicht zu sein, jemand nicht zu werden. Etwas anderes zu sein, als man ist. Etwas zu werden, das wir besser finden als das hier.

Er erkannte die dritte edle Wahrheit, von der bis dahin noch keiner etwas gewusst hatte. Die Ursache des Leidens kann behoben werden. Nämlich indem man dieses Verlangen überwindet.

Er erkannte die vierte edle Wahrheit, von der bis dahin noch keiner etwas gewusst hatte. Nämlich der Weg, der zur Überwindung des Verlangens führt, nämlich eben dieser edle achtfache Pfad, der zwischen wollen und nicht-wollen verläuft.

Richtige Sichtweise. Dies ist Leidhaftigkeit, dies ist seine Ursache, dies ist die Aufhebung der Ursache, dies ist der Weg, der zur Aufhebung führt.

In MN9 erklärt er weitere richtige Sichtweisen: z.B. verstehen von Nahrung und von Ursache und Wirkung.

Richtige Absicht. Absicht, das Anhaften, das Sich-erfreuen-wollen loszulassen. Absicht, niemandem zu schaden. Absicht, sich nicht am Unglück/Pech anderer zu erfreuen (Schadenfreude).

Richtige Rede. Nicht zu lügen, zu täuschen, grob zu sein, zu tratschen, hinter dem Rücken schlecht zu reden und nicht zu plaudern.

Richtiges Handeln. Die Ethikregeln.

Richtiger Lebenserwerb. Mit seinem Lebenserwerb niemandem zu schaden.

Richtiges Bemühen. Unheilsame Emotionen und Geisteszustände wie Wut, Zorn, Ärger, Neid, Missgunst, Missmut, Unlust etc. aufzulösen und nicht neu entstehen zu lassen. Heilsame Emotionen und Geisteszustände wie Wohlwollen, Mitgefühl, Großzügigkeit, Freude, etc. zu entwickeln und entfalten.

Richtige Achtsamkeit. Man trainiert seine Achtsamkeit, indem man sich jederzeit seiner körperlichen und geistigen Handlungen bewusst ist, seinen Zu- und Abneigungen sowie seiner Emotionen und nicht darauf reagiert, sondern sie lediglich registriert.

Richtige Sammlung. Durch das (zeitweilige) Überwinden des Verlangens nach Sinneskontakten und der fünf Hindernisse wird der Geist so still, dass er klar sehen und erkennen kann, wie die Dinge wirklich sind.

In der zweiten Lehrrede S22.59 erklärt er, dass alle Teile, aus denen wir bestehen, den drei Daseinsmerkmalen unterworfen sind: sowohl Körper, Gefühle, Erkennen, geistige Willensaktivität als auch Bewusstheit sind vergänglich, daher leidvoll, gehören uns nicht und können nichts Ewiges enthalten.

In der dritten Lehrrede S35.28 erklärt er, dass unsere Sinne brennen, weil wir unser Verlangen über unsere sechs Sinne zu befriedigen versuchen. Wenn wir unser Verlangen nach Sinneskontakten loslassen, finden wir Frieden.

In diesen drei Lehrreden finden wir seine gesamte Lehre. Zwar sprach er auch (selten) von Wiedergeburt und Karma. In den folgenden Nächten nach seiner Erwachung erkannte er sein eigenes Schwinden und Wiedererscheinen in den verschiedenen Daseinsbereichen und auch das der anderen Wesen. Und das seit Äonen und Aberäonen. Ein Anfang sei nicht zu erkennen. Das Konzept der Wiedergeburt beruht auf seinem direkten Erleben/Erkennen. Trotzdem sprach er selten darüber, da es für die Praxis nicht wirklich relevant ist. Es gibt aber zB die Lehrrede DN2, wo er die damals verbreiteten philosophischen Ansichten aufzählt. Unter anderem auch die, es gäbe keine Wiedergeburt und Handlungen ziehen keine Konsequenzen nach sich. Diese Ansichten hat er klar verworfen.

Auch die Ansicht, es gäbe etwas Ewiges in uns, hat er klar verworfen:

Die Begriffe Atta (sanskrit Atman) und seine Negierung anatta, Nicht-Atman, werden heutzutage gerne als Ego und Überwindung des Ego übersetzt (oder zumindest so benutzt). Das halte ich für falsch. Keine Religion befürwortet das Ego und seine Stärkung. Meines Wissens propagiert jede Religion das Überwinden des Egos, um zum wahren Selbst zu kommen, diesem ewigen, reinen, uns innewohnenden Kern, der im Westen Seele genannt wird. Im Vedischen eben Atman. So wie ich das verstehe ist eben dieses Ewige, das durch unser Ego verdeckt wird, eine Täuschung und existiert gar nicht. Es ist nur unser Verlangen nach Dasein aus der zweiten edlen Wahrheit, das uns das vorgaukelt.

Natürlich sollen auch wir das Ego, die Selbstsucht überwinden. Aber nicht, um dahinter etwas Ewiges zu finden, sondern um zu erkennen, dass es dahinter nichts gibt, nie gab und auch gar nie geben wird.

Wie würde der Buddha die Sangha heute gestalten?

Buddha würde wohl ebenfalls die vierfache Sangha, bestehend aus Mönchen, Nonnen, Unterstützer und Unterstützerinnen etablieren. Auch die Ethikregeln für die Unterstützer wären mit Sicherheit die selben. Ein friedvolles Leben ist nur möglich, wenn auf Töten, Stehlen und Lügen verzichtet wird, mit der Sexualität verantwortungsvoll umgegangen und auf den Verstand vernebelnde Substanzen verzichtet wird. Auch die Antworten auf die Lebensthemen wären vermutlich die selben: achte auf Ethik und handle aus Wohlwollen, Mitgefühl und Grosszügigkeit heraus.

Beim Orden gäbe es meiner Meinung nach vermutlich am meisten Änderungen. Sehr viele Regeln der Ordinierten gehen auf Reklamationen von Unterstützern über schlechtes Benehmen zurück. Vieles davon war kulturell bedingt und hat heute seine Sinnhaftigkeit verloren und dient nur noch als Achtsamkeitsübung.

Mit Sicherheit würde er jegliches unbescheidene oder gierige Verhalten unterbinden. Ebenfalls alles, was der Zerstreuung dient. Vermutlich würde er sich nicht mehr nach Sonne und Mond richten, sondern nach den üblichen Zeiten der Unterstützer. Z.B. Mittagessen um 12 bis max. 13 Uhr statt bis Sonnenhöchststand, der Feiertag würde vermutlich sonntags abgehalten statt zu Voll- und Neumond. Auch die jährliche Klausurzeit würde wohl eher vom Sommer in den Winter verlegt.

Möglicherweise würde er den Nonnenorden geringfügig anders gestalten. So dass z.B. nicht nur die Nonnen halbmonatlich das Recht und die Pflicht haben, von den Mönchen eine Lehrrede zu hören, sondern auch umgekehrt die Mönche von den Nonnen. 

Die meisten Unterschiede in den Regeln für die Mönche und Nonnen beziehen sich auf geschlechterspezifisches Verhalten, das heute bei den beiden Geschlechtern noch genauso weit verbreitet ist wie damals. 

Die erlasssenen Regeln galten der Unterstützung der Praxis und dem Ansehen des Ordens. An den Regeln zur Unterstützung der Praxis würde sich mit Sicherheit nichts ändern. Was sich ändern würde, wären vermutlich lediglich eher nebensächlichere Benimmregeln, die den Orden nicht in Verruf bringen sollten. Die heutzutage der Entfaltung der Achtsamkeit dienen, was ja schließlich auch ein sehr großer Nutzen ist.

In einer meiner Lieblingssutten, der Gotamisutta, bringt er es sehr schön auf den Punkt, nach welchen zeitlosen Richtlinien Ordinierte ihr Verhalten gestalten sollten:

Bei all dem, Gotami, von dem du weißt, dass es

die Gier verringert und nicht vergrößert,

Bindungen auflöst und nicht bildet oder verstärkt,

das Ego schwächt und abbaut und nicht stärkt und aufbaut,

zu Bescheidenheit führt und nicht zu Hochmut,

den Rückzug fördert und nicht die Geselligkeit,

zur Praxis motiviert und nicht die Faulheit fördert

zu leichter Unterstützbarkeit führt und nicht zu Unterstützungsschwierigkeiten,

all dies entspricht der Lehre, dies sollst du praktizieren, dies ist die Anweisung des Meisters.

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