Der edle achtfache Pfad, der uns zum Ende jeglichen Leids führt, besteht aus den drei Übungsfeldern Sila , Samadhi und Pañña. Sila, die Tugend, bildet die Grundlage. Wir beseitigen die gröbsten Schwierigkeiten im Leben, indem wir uns bemühen niemandem zu schaden, weder mit Worten noch mit Handlungen noch mit der Art, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Indem wir uns an die fünf Tugendregeln halten, können wir das praktizieren, obwohl unser Geist stark von den drei Wurzelgiften Gier, Hass und Verblendung verunreinigt ist. Wir können unseren Drang jemanden anzulügen, zu benutzen oder zu schlagen zügeln und uns verbieten, uns unheilsam zu verhalten, obwohl wir das in dem Moment vielleicht gerade gerne tun würden.
Jedem, der sich um sittliches Verhalten bemüht, wird sehr schnell klar, wie gross dabei die Gefahr ist, zeitweilig oder gar dauerhaft unheilsamen Geisteszuständen zu verfallen. Die Welt ist voller Menschen, die es völlig OK finden, zu lügen und zu betrügen, andere mit leerem Geschwätz zu nerven und ihnen die Zeit zu stehlen. Auch andere auszunutzen oder zu berauben, zu verletzen, zu missbrauchen oder gar zu töten. Solange sie einen Weg sehen, einer Bestrafung zu entgehen. Sei es, weil sie in der stärkeren Position sind oder sich für schlau genug halten, sich nicht erwischen zu lassen. Es geht manchmal sogar so weit, dass sie jemanden als dumm verachten, der sich um einen heilsamen Lebenswandel bemüht.
Wer sich ernsthaft um ein heilsames Verhalten bemüht kommt daher nicht um das Übungsfeld Samadhi herum, die Reinigung des Geistes.
Samadhi beginnt mit dem richtigen Bemühen:
- Bemühen um das Nichtaufsteigen noch nicht aufgestiegener übler, unheilsamer Geisteszustände
- Bemühen um das Überwinden bereits entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände
- Bemühen um das Aufsteigenlassen noch nicht aufgestiegener heilsamer Geisteszustände
- Bemühen um das Entfalten, Vervollkommnen, Beibehalten und Nicht-Verschwinden bereits aufgestiegener heilsamer Geisteszustände
Was sind diese üblen, unheilsamen Geisteszustände und wie verhindern wir, dass sie aufsteigen?
In der Anenjasappayasutta (MN 106), nach der unser Kloster benannt ist, heißt es ziemlich am Anfang:
… Da ihr Mönche erwägt ein edler Schüler folgendes: Sinnesvergnügen hier und jetzt und Sinnesvergnügen in künftigen Leben, Sinneswahrnehmungen hier und jetzt und Sinneswahrnehmungen in künftigen Leben, beide sind gleichermaßen Maras Gebiet, Maras Reich, Maras Köder, Maras Jagdgrund. Ihretwegen entstehen diese üblen, unheilsamen Geisteszustände wie Habgier, Übelwollen und Anmaßung und sie stellen ein Hemmnis für einen edlen Schüler in der Übung dar.
Geisteszustände sind also Emotionen, oder Gefühle, wie wir sie gerne nennen: Habgier, Neid, Missgunst, Trauer, Wut, Zorn, Angst, Unlust, Missmut, Besserwisserei, Überheblichkeit Minderwerigkeit etc und ihre Wurzeln: Gier, Hass und Verblendung. Ich möchte auf den Begriff Gefühle verzichten, da das im Deutschen ein zu vielseitig verwendeter Begriff ist und daher zu Verwirrungen führt. Ich benutze lieber den Begriff Emotionen, da scheint mir eindeutiger.
Üble Geisteszustände sind also unsere „schwierigen Emotionen“, die uns das Leben immer mal wieder schwer machen.
Und wie vermeiden wir, dass sie aufsteigen?
Unheilsame Geisteszustände entstehen durch unheilsame Gedanken.
Durch Gedanken an die Vergangenheit. Der Gedanke an eine schöne Begebenheit erzeugt Trauer, dass es vorbei ist oder Sehnsucht, es zu wiederholen. Der Gedanke an eine unschöne Begebenheit erzeugt Ärger und Wut und mündet gerne in Gedankenkarussellen, wie die Situation hätte besser gestaltet werden können oder wie sie beim nächsten Mal besser gestaltet werden könnte.
Durch Gedanken an die Zukunft. Wir planen, damit die Zukunft so wird, wie wir uns wünschen (Gier), und nicht so, wie wir sie nicht wollen (Hass). Wir plagen uns mit Sorgen und Ängsten oder können sie ungeduldig kaum erwarten.
Gedanken an die Gegenwart. Wir wollen (angenehme) Sinneswahrnehmungen, die wir gerade nicht haben, oder wollen (unangenehme) Sinneswahrnehmungen loswerden, die wir gerade haben.
Die allermeisten Gedanken, die wir haben, erzeugen negative Geisteszustände. Indem wir in der Meditation konsequent alle Gedanken unterbrechen, indem wir sie benennen, verhindern wir das Entstehen übler, unheilsamer Emotionen. Natürlich sollten wir sie freundlich benennen. Wir wollen ja nicht durch ablehnendes Benennen gleich die nächsten unheilsamen Geisteszustände erzeugen.
Durch diese Übung gelingt es uns auch im Alltag immer besser, das Auftauchen unheilsamer Gedanken schnell zu erkennen und zu unterbrechen, bevor unheilsame Geisteszustände entstehen.
Doch was tun, wenn das misslingt und durch unheilsame Gedanken entsprechende Emotionen entstanden sind?
Wie überwinden wir bereits entstandene üble, unheilsame Geisteszustände?
In unserer Sutta heißt es weiter:
Angenommen, ich verweilte mit einem erweiterten und erhöhten Herzen, … . Wenn ich so verfahre, wird es keine üblen, unheilsamen Geisteszustände wie Habgier, Übelwollen und Anmaßung mehr in mir geben, und mit deren Überwindung wird mein Geist unbegrenzt, unermeßlich und wohl entfaltet sein.
mit einem erweiterten und erhöhten Herzen heißt in Pali vipulena mahaggatena cetasa
unbegrenzt heißt appamana
Das kennen wir von den Vier Unermesslichen:
… vipulena mahaggatena, appamanena
… so weit und groß geworden, entledigt aller Grenzen
Wenn man also mit einem durch die Brahmaviharas erweiterten und erhöhten Geist verweilt, ist kein Platz für unheilsame Geisteszustände.
Wie erweitert und erhöht man den Geist mit den vier Brahmaviharas?
In AN 6.13 erläutert der Buddha, dass die heilsamen Zustände entwickelt werden, indem die Unheilsamen überwunden werden:
Es möchte da, ihr Mönche, ein Mönch von sich behaupten: »Die gemütserlösende Güte habe ich entfaltet, häufig geübt, zur Richtschnur und Grundlage genommen, sie betätigt, erweitert, zur Vollendung gebracht; und dennoch hält der Hass meinen Geist gefesselt.« Einem solchen hätte man zu erwidern: »Nicht doch! Sage das nicht, Verehrter! … Nicht möglich ist es, Verehrter, es ist ausgeschlossen, dass einem, der die gemütserlösende Güte entfaltet, sie häufig geübt, zur Richtschnur und Grundlage genommen, sie betätigt, erweitert, zur Vollendung gebracht hat, dennoch der Hass den Geist gefesselt hält. Das ist nicht möglich. Denn im Entrinnen vom Hass besteht ja eben die gemütserlösende Güte.«
Dasselbe sagt er von Mitgefühl:
Nicht möglich ist es, es ist ausgeschlossen, dass einem, der das gemütserlösende Mitgefühl entfaltet, es häufig geübt, zur Richtschnur und Grundlage genommen, sie betätigt, erweitert, zur Vollendung gebracht hat, dennoch Feindseligkeit, Schädigung, Grausamkeit und Gewalttätigkeit den Geist gefesselt hält. Das ist nicht möglich. Denn im Entrinnen vom Feindseligkeit, Schädigung, Grausamkeit und Gewalttätigkeit besteht ja eben das gemütserlösende Mitgefühl.
Von Mitfreude:
Nicht möglich ist es, es ist ausgeschlossen, dass einem, der die gemütserlösende Mitfreude entfaltet, sie häufig geübt, zur Richtschnur und Grundlage genommen, sie betätigt, erweitert, zur Vollendung gebracht hat, dennoch Missmut, Unlustgefühl und Missgunst den Geist gefesselt hält. Das ist nicht möglich. Denn im Entrinnen von Missmut, Unlustgefühl und Missgunst besteht ja eben die gemütserlösende Mitfreude.
Und vom Gleichmut:
Nicht möglich ist es, es ist ausgeschlossen, dass einem, der den gemütserlösenden Gleichmut entfaltet, ihn häufig geübt, zur Richtschnur und Grundlage genommen, ihn betätigt, erweitert, zur Vollendung gebracht hat, dennoch Gier den Geist gefesselt hält. Das ist nicht möglich. Denn im Entrinnen von Gier besteht ja eben der gemütserlösende Gleichmut.
Wir müssen also nicht versuchen, Metta, Karuna, Mudita und Upekkha zu erzeugen. Das ist alles bereits in uns vorhanden, wenn auch noch nicht bis zur Vollkommenheit entfaltet.
Alles was wir tun müssen, um die unheilsamen Emotionen zu überwinden, ist sie mit Wohlwollen anzunehmen und freundlich zu benennen (Metta), ihnen mit Mitgefühl (und Geduld!) erlauben da zu sein (Karuna) und sich für sie zu freuen, wenn sie entspannen und heilen/sich auflösen können (Mudita). Ich mag den Ausdruck Heilen lieber als Auflösen. Auflösen hat für mich etwas Ablehnendes und Ungeduldiges: nichts wie weg mit dir! Heilen jedoch erfordert Zeit, Geduld und liebevolles Beistehen. Für mich ist der Vergleich mit einem Kranken hilfreich: weder schaue ich nur kurz hin, stelle fest: krank, und lasse ihn dann einfach links liegen. Noch rücke ich ihm ständig auf die Pelle und frage alle 2 Minuten, ob es ihm schon besser geht. Sondern ich gebe ihm Medizin (Mitgefühl), den Raum und die Zeit, um sich auszukurieren und schaue hin und wieder nach ihm, wie es ihm geht. So ignoriere ich die unangenehmen Emotionen nicht, klebe aber auch nicht an ihnen.
Aber vielleicht geht es auch nur mir so.
Wenn wir uns nicht mehr vor unseren schwierigen Emotionen fürchten, da wir einen heilsamen Umgang mit ihnen gelernt haben, können wir jeden Geisteszustand gleichmütig annehmen und gehen lassen (Upekkha).
Je mehr es uns gelingt, entstandene unheilsame Emotionen zu heilen/überwinden und keine neuen entstehen zu lassen, umso mehr nähern wir uns diesem Zustand in unserer Sutta, in dem der Bhikkhu lediglich darauf zu achten braucht, den Geist in einem erhöhten und erweiterten Zustand zu halten, um ihn vor Mara zu schützen.
Wenn er auf diese Weise übt und häufig so verweilt, erlangt sein Geist Zuversicht in Bezug auf diese Grundlage. Sobald volle Zuversicht vorhanden ist, erlangt er entweder gleich das Unerschütterliche oder ansonsten entschließt er sich zur Weisheit. Heißt es weiter in unserer Sutta.
Wenn man unerschütterlich ist, verweilt man nach meinem Verständnis in vollkommenem Gleichmut. Gleichmut alleine reicht zwar noch nicht für die Erleuchtung, er ist aber einer der Erleuchtungsfaktoren.
Weiter heißt es beim richtigen Bemühen: er bemüht sich, bringt Energie hervor, strengt seinen Geist an und setzt sich ein.
Wir entfalten also durch unser Bemühen Viriya, Tatkraft. Auch Viriya ist einer der Erleuchtungsfaktoren.
Natürlich ist es völlig unmöglich, unheilsame Geisteszustände zu erkennen, wenn nicht ein gewisses Maß an Achtsamkeit und Sammlung auf den gegenwärtigen Moment vorhanden sind. Wir entfalten also auch sati und samadhi, ebenfalls zwei Erleuchtungsfaktoren.
Durch das Erkennen der verschiedenen Geisteszustände, ihrer Bedingungen und wie sie entstehen und vergehen, entfalten wir dhammavicaya, den nächsten Erleuchtungsfaktor.
Wenn wir unerschütterlich mit einem erhöhten und erweiterten Geist verweilen, wird der Geist gestillt, passadhi. Im gestillten Geist entsteht Verzückung, Piti.
So werden bereits bei der Praxis der Entfaltung der Brahmaviharas auch alle Erleuchtungsfaktoren entfaltet, wenn auch noch nicht bis zu ihrer Vervollkommnung.
Nachdem unser Geist nun Habgier und Trauer hinsichtlich der Welt überwunden hat, ist er bereit für den nächsten Schritt auf dem edlen achtfachen Pfad: die Achtsamkeitspraxis. Frei von unheilsamen Geisteszuständen legen wir den Fokus auf die vollkommene Entfaltung der Achtsamkeit auf ihren vier Grundlagen, wodurch auch die anderen Erleuchtungsfaktoren weiter entfaltet werden. Gemeinsam mit der entfalteten Sammlung, samadhi, dem achten Schritt auf dem Weg, ermöglichen sie Pañña, Weisheit, die durch Einsicht in die vier edlen Wahrheiten unsere Praxis auf immer feinere, subtilere Ebenen hebt, bis endgültig die Befreiung erlangt werden kann.
Selbstverständlich müssen wir mit der Achtsamkeitspraxis nicht warten, bis wir das Bemühen um heilsame Geisteszustände vervollkommnet haben.
Wir können unsere Meditation damit beginnen, unseren Geist zu erhöhen und zu erweitern, indem wir eine wohlwollende Haltung gegenüber allen möglicherweise auftauchenden Phänomenen einnehmen. Wir können prüfen, ob unheilsame Emotionen sich bereits manifestiert haben, was wir in der Regel im Körper als unangenehme Empfindungen wie Druck, Verspannung oder Schmerz wahrnehmen können. Während wir diese heilen, indem wir uns ihnen zuwenden, sie freundlich benennen und ihnen mitfühlend Raum geben, können wir auf auftauchende Gedanken achten und diese benennen, um keine weiteren Emotionen aufsteigen zu lassen. Haben wir unseren Geist für den Moment von unheilsamen Geisteszuständen gereinigt, können wir uns mit weitem, erhöhtem Geist der Vervollkommnung der Achtsamkeitspraxis widmen, indem wir den Körper als einen Körper betrachten, die Gefühle als Gefühle, den Geist als Geist und die Geistesobjekte als Geistesobjekte.
Eifrig, achtsam und wissensklar.
Bei der Ajahn Tong Methode, die wir hier praktizieren, betrachten und benennen wir freundlich das Heben und Senken der Bauchdecke sowie, dass wir sitzen. Das ist das Betrachten des Körpers als einen Körper (Betrachtung des Atems und der Körperhaltung).
Durch das Benennen des gegenwärtigen Moments wissen wir, wenn wir uns wohl fühlen, dass wir uns wohl fühlen. Wenn wir uns unwohl fühlen wissen wir, dass wir uns unwohl fühlen. Wenn wir uns weder wohl noch unwohl fühlen, wissen wir auch das. Das ist das Betrachten der Gefühle als Gefühle.
Wir wissen auch, wenn wir gierig oder ablehnend sind oder in Selbstmitleid herumjammern. Dadurch wissen wir, ob unser Herz (Citta) von Gier, Hass und Verblendung beeinträchtigt ist oder nicht. Das ist das Betrachten des Geistes als Geist.
Wir sehen deutlich, ob Hindernisse in unserem Geist vorhanden sind oder die Erleuchtungsfaktoren und auch, in welchem Ausmaß. Das ist das Betrachten der Geistesobjekte als Geistesobjekte.
Durch das Berühren der verschiedenen Punkte haben wir auch ein hervorragendes Werkzeug, um uns auf Achtsamkeit hin zu prüfen. Wie sollen wir mangelnde Achtsamkeit zu erkennen, wenn uns für das Erkennen der mangelnden Achtsamkeit die nötige Achtsamkeit fehlt.
Dadurch gewährleisten wir, dass wir mit allen Erscheinungen heilsam umgehen. Tauchen Gedanken auf, verlassen wir die Achtsamkeitspraxis und kehren zum richtigen Bemühen zurück, indem wir die Gedanken freundlich benennen. Sehen wir, dass unheilsame, missmutige Geisteszustände oder Hindernisse entstanden sind, so wenden wir uns ihnen liebevoll zu, benennen sie freundlich und gewähren ihnen mitfühlend Raum und Zeit um sich zu entspannen und zu heilen. Nachdem wir uns vergewissert haben, dass unser Geist wieder mit Wohlwollen erfüllt ist, wenden uns wieder der Achtsamkeitspraxis zu.
So ergänzen und vervollkommnen sich Richtiges Bemühen und Richtige Achtsamkeit auf harmonische Weise.


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