Vertrauen in Buddha, Dhamma und Sangha

Neulich wurde mir folgende Frage gestellt:

In vielen seiner Lehrreden betont der Buddha, dass man seine Aussagen nicht aus Respekt, Autorität oder Tradition einfach übernehmen soll. Vielmehr solle man sie selbst prüfen und nur dann annehmen, wenn man sie aus eigener Erfahrung als wahr erkennt. Das zentrale Prinzip lautet: Ehipassiko – „Komm und sieh selbst“. Dieses Prinzip durchzieht die gesamte Lehre. Das Dhamma ist in seinem philosophischen Grundverständnis also empirisch ausgerichtet.
Allerdings gibt es bestimmte Aspekte des Dhamma, die – soweit ich es verstehe – erst durch tiefgreifende meditative Einsicht unmittelbar erfahrbar sind. Dazu zählen etwa das Konzept von Kamma, die Wiedergeburt sowie die sechs Daseinsbereiche, von denen wir nur das Menschen- und das Tierreich direkt wahrnehmen können. Auch die Erleuchtung beschrieb der Buddha als das höchste Glück, während er das Paranibbāna zwar zu erklären versuchte, es sich aber letztlich einer rein intellektuellen Erfassung entzieht. Ähnliches gilt für die veränderten Bewusstseinszustände während tiefer Meditation, wie sie etwa in den verschiedenen Jhāna-Stufen erlebt werden.
Damit stellt sich für mich persönlich die Frage, wie ich damit umgehen soll.
Ich könnte darauf vertrauen, dass zentrale Lehren – wie die Vier Edlen Wahrheiten und die drei universellen Merkmale (Anicca, Dukkha, Anatta) – so stimmig und überzeugend sind, dass daraus ein gewisses Vertrauen auch in die schwer überprüfbaren Teile der Lehre erwächst.
Gleichzeitig muss ich in letzter Konsequenz festhalten: Solange ich bestimmte Dinge nicht selbst erfahren habe, weiß ich sie nicht mit Sicherheit. Das bedeutet nicht, dass ich sie für unwahrscheinlich halte – im Gegenteil, vieles erscheint mir intellektuell schlüssig. Und doch bleibt am Ende nur eine agnostische Haltung: Ich halte es für möglich, aber ich weiß es (noch) nicht.
Meine Frage ist daher:
Ist es im Sinne des Dhamma legitim, gegenüber bestimmten Lehren – insbesondere solchen, die erst durch tiefe meditative Erfahrung zugänglich sind – eine agnostische Haltung einzunehmen, solange man sie selbst nicht erfahren hat?

In der Reflektion über die Lehre heißt es:

Die Lehre ist vom Erhabenen gut verkündet worden

Sie ist hier und jetzt sichtbar, zeitlos; komm und sieh selbst!

Sie führt hinüber und kann von Weisen selbständig erkannt werden.

Wir werden also explizit aufgefordert, herzukommen und uns das, was der Buddha gelehrt hat, anzuschauen. Das ist natürlich nur möglich, wenn wir die Bereitschaft mitbringen, zuzuhören und uns das Dhamma wirklich anzuschauen.

Es erfordert von uns keinen Glauben an irgendetwas, sondern nur so viel Vertrauen, um zuzuhören und das Gehörte auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu prüfen.

Die Lehre ist ja hier und jetzt sichtbar und da sie zeitlos ist, ist sie heute genauso wahr wie vor zweieinhalbtausend Jahren. Die Strukturen des Geistes sind ja immer noch dieselben wie damals. Daher ist der Weg, die leidbringenden Strukturen aufzulösen auch immer noch derselbe.

Der Weg beginnt mit der Sittlichkeit, Sīla. Wir brauchen keine tiefgreifenden meditativen Erlebnisse, um verstehen zu können, dass sittliches Verhalten heilsam ist. Jeder kann intellektuell nachvollziehen, dass es sich mit gutem Gewissen besser lebt. Wenn wir Sittlichkeit also als heilsam anerkennen und sie auch praktizieren, erleben wir auf der viel tieferen Erfahrungsebene, wie gut sie tut und um wie viel heller und freudvoller unser Leben durch sie wird.

Da wir nun nicht nur theoretisch wissen, sondern ganz praktisch erfahren haben, was Sittlichkeit bewirkt, wächst unser Vertrauen in den Buddha und das Dhamma.

Auf der Sittlichkeit baut die Sammlung auf, Samadhi. Mit der gewonnenen Zuversicht ins Dhamma prüfen wir nun die nächsten Schritte auf dem Weg und widmen uns der Reinigung unseres Geistes.

Dass Gier und Hass (Habenwollen und Loswerdenwollen) unserer Sittlichkeit schaden, dafür brauen wir ebenfalls keine tiefen Erkenntnisse. Wenn wir uns um die fünf Tugendregeln bemühen, merken wir sehr schnell, dass sie unsere schlimmsten Saboteure sind. Es ist also nur logisch, sich der Reinigung des Geistes zu widmen.

Während wir uns bemühen das Unheilsame von unserem Geist fernzuhalten und das Heilsame zu kultivieren, merken wir schnell, dass das im Alltagtrubel alles andere als leicht ist und es klug wäre, das in aller Ruhe zu üben.

Mit der Achtsamkeitsmeditation, häufig Vipassana genannt, können wir genau das üben. Wir beobachten, was in unserem Geist an Unheilsamen vorhanden ist und lernen, es loszulassen. 

Inzwischen haben wir bestimmt Gleichgesinnte getroffen, die den  gleichen Weg gehen und sich um Heilsamkeit bemühen. Wir sehen nicht nur an uns, sondern auch an anderen die transformierende Kraft des Dhamma.

Wieder sammeln wir Erfahrungen, wie das Dhamma wirkt und unser Vertrauen in Buddha, Dhamma und Sangha wächst.

Der Buddha hat viele Meditationsarten gelehrt. Manche schulen unsere Achtsamkeit, manche entwickeln heilsame Geisteszustände und manche entfalten die Sammlung des Geistes.

Während wir in der Meditation unseren Geist von Gier und Hass reinigen, entfalten wir heilsame Geisteszustände, Achtsamkeit und Sammlung. Wenn wir  unseren Geist wenigstens zeitweilig vor unheilsamen Einflüssen bewahren können, wird er so ruhig, dass er sich von selbst sammelt.

Durch die Sammlung ist es dem Geist möglich, die Daseinsmerkmale zu durchschauen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Durch das Entwickeln von Weisheit wurde das Dasein selbständig von jemandem erkannt, der weise genug war, die Lehre anzuwenden.

Die Weisheit, Pañña, befähigt uns, das Begehren endgültig aufzugeben und dem Leiden ein für alle mal ein Ende zu bereiten.

Glaube war dafür nicht notwenig. Lediglich die Erkenntnis, dass wir uns auf den Weg machen sollten und die Bereitschaft, Buddhas Anweisungen zu folgen und sie zu überprüfen.

Soviel ich weiss, besagt der Agnostizismus nicht, dass man etwas bloß nicht weiss, sondern dass es Dinge gibt, die man nicht wissen kann. Das trifft auf das Dhamma keinesfalls zu. Befreiung vom Leid kann erfahren werden, sobald die Bedingungen dafür geschaffen wurden, sogar noch in diesem Leben.

Die Ergebnisse meditativer Praxis wie zum Beispiel das Durchschauen von Kamma (was meines Wissens nur der Buddha wirklich gänzlich durchschaut), das Sehen vergangener Wiedergeburten bei sich und anderen sowie die magischen Fähigkeiten sind lediglich Nebeneffekte und nicht das Ziel der Praxis. Insofern müssen wir nicht unbedingt wissen, ob sie tatsächlich erfahrbar sind oder nicht.

Es ist aber sicher ratsam, von Zuständen, die wir noch nicht selbst erfahren haben, nur zurückhaltend zu sprechen mit dem Hinweis, dass wir sie zwar aus Vertrauen für möglich halten, selbst aber noch nicht erfahren haben.

Mögen wir alle die Erfahrung von Nibbana machen, dem Ende des Leids!

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