Einer meiner liebevollen Unterstützer stellte mir von einiger Zeit folgende Frage, die bestimmt für viele Menschen von großer Relevanz ist :
„Ich habe ein latentes Wutproblem und durch meine Praxis kam ich bisher soweit, dass ich erkannte, dass
A) ich die Wut eigentlich gar nicht loslassen möchte und
B) hinter der Wut ein sehr, sehr großer Schmerz steckt, der sich eben auf diese Weise äußert.
Wie geht man damit um?“
Wir alle kennen das, dass wir von heftigen Emotionen ergriffen werden und uns rückwirkend wünschen, anders reagiert zu haben. Vielleicht schämen wir uns für unsere Reaktion, verurteilen uns sogar dafür. Wir nehmen uns fest vor, beim nächsten Mal gelassener zu bleiben. Und reagieren wieder genau gleich. Vielleicht sogar noch heftiger. Zur Scham und der Selbstverurteilung über unser unerwünschtes Verhalten gesellt sich Ärger über unser Versagen, uns anders zu verhalten. Was zu noch mehr Verurteilung führt. Scham, Ärger, Wut und Angst wachsen mit jedem gescheiterten Versuch, uns nach unseren Vorstellungen zu ändern.
Dazu kommt folgendes:
Wenn wir Strukturen ablehnen, zum Beispiel die Wut, werden automatisch Strukturen aktiviert, die sich gegen diese Ablehnung sträuben. Wenn wir die Wut nicht wollen, beginnt sofort ein Teil von uns diese Wut zu verteidigen. Wir sollen die Wut loslassen, wir wollen aber nicht. Je mehr Druck wir ausüben, umso mehr Gegendruck schlägt uns entgegen und sabotiert unsere Bemühungen.
Was tun?
In der ersten Edlen Wahrheit wird definiert, was Leiden ist. Unter anderem: mit Unliebem vereint sein.
Das Unliebe ist in diesem Fall die Wut, da sie als Problem definiert wurde. Dass man die Wut eigentlich nicht loslassen möchte, ist das nächste Unliebe, da wir das ja gut finden, dass wir die Wut gar nicht loslassen wollen.
In der zweiten Edlen Wahrheit heißt es, die Ursache für unser Leiden ist das Begehren.
In diesem Fall, dass wir die Wut nicht haben wollen. Auch das Anhaften an die Wut wollen wir nicht. Wir wollen etwas anderes, als wir haben. Dieses Wollen bzw. Nicht-Wollen ist das Problem. Nicht die Wut. Und auch nicht das Anhaften daran.
Nun ist Wut sicherlich kein heilsamer Geisteszustand und das Anhaften daran genausowenig. Wie können wir heilsam mit unheilsamen Geisteszuständen umgehen? Am besten, ohne anderen Wesen Schaden zuzufügen, was Wut ja gerne tut?
Wir können, wenn wir gerade akut wütend werden, uns darum bemühen, den Mund zu halten, um nichts Unheilsames von uns zu geben. Und versuchen die Situation zu verlassen.
Wenn wir dann für uns alleine sind und keine Gefahr besteht, andere verbal oder handgreiflich zu verletzen, können wir in Ruhe mit der Arbeit beginnen.
Als allererstes nehmen wir uns den festen Vorsatz, liebevoll und fürsorglich mit uns selbst umzugehen. Um uns selbst in eine liebevolle, mitfühlende Stimmung zu bringen, können wir Verse oder Affirmationen rezitieren.
Zum Beispiel:
Möge ich in Wohlergehen weilen, frei von Leiden, frei von Feindschaft frei von Beschwerden, frei von Bedrückung und möge ich mein Wohlergehen bewahren.
Oder
Ich verweil mit einem Herzen, voll Freundlichkeit und Milde, zu allen Wesen ausstrahlend, genau wie zu mir selbst.
Oder
Liebevoll, verständnisvoll, rücksichtsvoll
Oder
Liebevoll, voll annehmender Sanftheit, tue ich, was ich tue.
Was immer in uns eine sanfte, wohlwollende Stimmung erzeugt.
Nachdem wir unseren Geist in eine heilsame Stimmung versetzt haben, können wir damit beginnen, unsere Wut zu untersuchen.
Wenn die Wut nicht mehr zugänglich ist, können wir uns einfach die Situation wieder in Erinnerung rufen. Die Wut wird bestimmt sofort wieder hoch kochen. Sobald die Emotion körperlich spürbar geworden ist, ist es sehr wichtig, den Geist sofort davon abzuhalten, Öl ins Feuer zu gießen. Wir wollen arbeiten und keinen unkontrollierten Wutanfall provozieren. Die Wut soll nur in dem Maße hoch geholt werden, dass wir sie mit einem sanften, fürsorglichen Geist betrachten können. Sie soll nicht unseren ganzen Geist in Beschlag nehmen und ausfüllen. Wir erlauben uns keine weiteren Gedanken an den Vorfall oder an die beteiligten Personen, sondern konzentrieren uns ausschließlich darauf, wo und wie im Körper wir die Wut spüren können. Fühlt sie sich immer gleich an? Oder verändert sich die Empfindung? Spüren wir es nur an einer Stelle oder an mehreren? Fühlt es sich überall gleich an oder unterschiedlich? Hat sich die Empfindung verändert, wenn wir zu ihr zurück kehren?
Durch das Untersuchen der körperlichen Auswirkungen der Wut lassen wir sie los. Wir wollen sie nicht loswerden, sonst können wir sie ja nicht untersuchen. Dadurch nehmen wir sie an. Da sie da sein darf, kann sie den natürlichen Lauf aller Dinge nehmen: sie entsteht, existiert eine Weile, während der sie sich verändert und vergeht schließlich
Steigt Widerstand gegen das Untersuchen der Wut auf, so machen wir diesen Widerstand zu unserem Objekt und untersuchen ihn auf die gleiche Weise, bis er zu seinem natürlichen Ende kommt. Wir versuchen nicht, zu ergründen, wo er wohl her kommt. Wir machen uns keinerlei Gedanken über den Widerstand. Wir untersuchen nur, wo und wie wir ihn im Körper spüren können.
Was auch immer in unserem Geist aufsteigt, das uns von der Untersuchung abbringen will, genau das wird unser nächstes Untersuchungsobjekt.
Wenn keine Wut mehr wahrzunehmen ist, können wir uns den Vorfall nochmals ins Gedächtnis rufen. Steigt abermals Wut auf, können wir sie abermals bis zur Auflösung untersuchen. Irgendwann werden wir feststellen, dass wir an den Vorfall denken können, ohne dass Wut in uns hoch steigt. Die mit dem Vorfall verbundene Wut wurde vollständig aufgelöst. Unser „Vorrat“ an Wut wurde wahrscheinlich noch nicht ausgetrocknet, aber zumindest etwas reduziert. Mit der Zeit werden wir feststellen, dass nicht mehr in dem Maß Wut aufsteigt und wir davon nicht mehr überrollt werden. So können wir vielleicht schon in der Situation selbst einfach nur das Entstehen und Vergehen unserer Wut betrachten, ohne ihr Ausdruck zu verleihen.
Natürlich können wir, mit der gebotenen Sanftheit und Rücksichtnahme, auf die gleiche Weise auch den darunterliegenden Schmerz behutsam annehmen, untersuchen und heilen lassen.

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